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B.I.G. Twin 4 - Einstieg ins Mittelformat
Womit den Einstieg wagen ?
B.I.G. / Gullwing
Die Kamera
Film einlegen
Fotografieren
Ergebnisse
Bewertung
Technische Daten
Zubehör
Warum Mittelformat ?
Immer wieder habe ich mich gefragt, wie bzw. womit Fotos in Posterformaten mit einer
unglaublichen Schärfe und Farbsättigung aufgenommen und vergrössert wurden.
Mit Vergrösserungen meiner Kleinbildnegative auf Posterformate erreichte ich nie die
Schärfe und den Detailreichtum, selbst unter Verwendung von Stativ und 50 ASA - Film.
Die Lösung liegt im Negativ: Mittel- und Grossformatfotografie. Einfach das Negativ
so gross wie möglich machen, dann muss es weniger stark vergrössert werden, ergo scheinen
Schärfe, Details und Farbsättigung besser.
Grossformat schied sofort aus, der Kosten und des Aufwandes wegen. Ich hatte keinen
Platz und keine Zeit für ein eigenes Labor, und die Negative einzeln ins Fachlabor
zu schicken würde mein Budget sprengen.
Mittelformat bezieht sich auf alle Kameras, die den Rollfilm (120er bzw. 220er Film)
verwenden. Der Rollfilm ist grösser als das Kleinbild, bei einer Höhe von 60 mm ergibt
sich eine effektiv nutzbare Höhe von ca. 56 mm. Die Breite der Negative wird von den
unterschiedlichen Kameras unterschiedlich genutzt:
645 ist eine Zahl, die die "kleinen" Mittelformatkameras kennzeichnet. Hier wird ein
Negativ von 45 mm Breite belichtet, so dass auf einen 120er Film 16 Bilder passen
(32 Bilder auf den 220er).
6x6 ist das "klassische" Format, weil es durch die Rolleiflex und Hasselblad in den
50er und 60er Jahren sehr verbreitet wurde. Die Negative sind quadratisch, die Meinung
darüber geteilt, was die Ästhetik, aber auch den Sinn betrifft. Mehr dazu weiter unten.
6x7 ist ein Idealformat, weil es offenbar sehr gut in die Formate von Magazin- und Titelseiten passt.
6x9, 6x12, 6x17 geht in den Bereich der Panoramafotografie, wunderschön, aber auch sehr teuer.
Womit den Einstieg wagen ?
Aber auch die gängigen Mittelformatkameras sind sehr teuer, gemessen an den Preisen
moderner Kleinbildkameras. Hintergrund ist wohl die geringe Anzahl, in der sie letzten
Endes produziert werden, als auch die höheren Qualitätsansprüche der Anwender, da sie
vornehmlich in der Hand von Berufsfotografen landen, wo der Preis eine untergeordnete
Rolle spielt gegenüber Zuverlässigkeit und Qualität.
Für den weniger betuchten Familienvater bleibt folglich der Griff zu einer der
russischen oder asiatischen Nachbauten der deutschen und schwedischen Vorbilder,
oder eben der Gebrauchtmarkt, beim Fotohändler, über regelmässig stattfindende
Fotomärkte, oder eines der Versteigerungshäuser im Internet.
In den Fotografie-Foren des Internets fragte ich nach, welches Vorgehen für einen
Amateur ohne Vorwissen denn sinnvoll sei. Die einhellige Meinung vieler alter Hasen
auf meine Anfragen war eindeutig:
Suche eine gebrauchte YashicaMat, Mamyia C330 oder Rolleiflex, damit hast Du für
wenige Hunderter einen idealen Einstieg ins Mittelformat. Lass die Finger von
Seagull, Lubitel, Kiev und wie sie alle heissen, sie taugen nichts und kosten
auch nicht viel weniger als eine gute Gebrauchte.
Ich ging also hin und schaute mir die Geräte erst mal beim Händler an, und sie
erweckten jede Menge Ehrfurcht in mir: schönes Leder, satter Verschluss, gepflegte
und gut erhaltene Geräte. Und auf solche schönen Teile, die zudem ja nicht mehr
hergestellt werden, wollten die mich loslassen ? Ohne Erfahrung ? Ohne Garantie ?
B.I.G. / Gullwing
Bei Brenner Fotoversand fand ich die Alternative: B.I.G. Twin 4, ein
Rolleiflex-Verschnitt aus aktueller chinesischer Herstellung, im Rest der Welt
als "Gullwing" verkauft.
Entgegen den Ratschlägen der alten Hasen beschloss ich, meine ersten Gehversuche
im Mittelformat mit einem solchen "Billigteil" zu unternehmen, um später mit
entsprechender Erfahrung eines der schönen Originale zu erwerben.
Billig ist relativ: die B.I.G. Twin 4 kostete ganze DM 498,00 dazumal, heute
Euro 289,00. Für das Geld gibt es auch eine Canon EOS 3000n (Gehäuse), mit viel
Elektronik und feinen Details. Als Seagull lässt sie sich in Asien oder Amerika
offenbar auch wesentlich billiger finden, Brenner legt jedoch Wert auf die
Feststellung, dass durch die enge Zusammenarbeit zwischen ihnen und dem Hersteller
sowie zusätzlicher Qualitätskontrollen ein wesentlicher Qualitätsunterschied
zwischen der B.I.G. und den chinesischen Originalen liege.
Ich kann mangels Vergleiches nicht die Qualität der Seagull beurteilen, meine
B.I.G. hat mich jedoch noch nie im Stich gelassen, und auch die gefürchteten
Fertigungstoleranzen scheinen hier im geplanten Rahmen zu liegen: nichts klappert,
auch mit zunehmendem Gerbrauch trat kein Spiel oder Verschleiss auf.
Meines Wissens ist Seagull von Minolta gekauft worden, was sich hier positiv
widerspiegeln dürfte.
Kaufmännisch gesehen ist die Kamera äusserst unwirtschaftlich. Eine gebrauchte
Rolleicord oder YashicaMat für ca. 250 Euro verliert nicht an Wert, nach einem
Jahr wird man den Betrag mehr oder weniger wieder herausholen.
Eine B.I.G. Twin 4 bringt nach einem Jahr nicht einmal mehr die Hälfte ihres
Neupreises. Man kauft sie, um sie zu behalten, und sei es nur als Ersatz oder
Kamera fürs Grobe.
Andererseits hat sie Garantie. Die Reparatur des Verschlusses einer Rolleiflex
verschlingt schnell ein paar Hunderter, so dass der Vorteil des nicht vorhandenen
Wertverlustes schnell dahin ist, wenn das Unvorhergesehene passiert.
Die Kamera
So, aber jetzt zur Kamera. Ich bestellte sie bei Brenner, und ein paar Tage
später erhielt ich ein Paket, in diesem einen edel schwarz glänzenden Karton,
in dem Karton leuchtend blauer Samt, und mitten drin etwas, was aussah wie ein
schwarz-grauer Ziegelstein.
Der Ziegelstein entpuppte sich schnell als handliches Gehäuse aus schwarz
lackiertem Blech mit grauer Belederung (Bekunststofferung ?), den zwei
Objektiven und ein paar Knöpfen und Hebeln.
Schnell noch ein paar Sätze zum Prinzip der Kameras: die Rolleiflex und ihre
Nachbauten sind sogenannte zweiäugige Spiegelreflexkameras, im Englischen TLR
(twin lens reflex). Der Witz daran ist, dass hier kein Schwingspiegel wie bei
modernen Kleinbild-Spiegelreflexkameras verwendet wird, sondern ein
feststehender Spiegel. Dafür kommen zwei Objektive zum Einsatz: durch das
Untere wird der Film belichtet, durch das Obere schaut der Fotograf.
Vorteile:
- gegenüber Sucherkameras kann die Schärfe und Schärfentiefe beurteilt werden,
weil der Fotograf auch durch ein Objektiv schaut-
- gegenüber einäugigen Spiegelreflexkameras entfällt der Spiegelschlag, der
vor allem im Mittelformat auf Grund der Grösse des Spiegels zu nicht unerheblichen
Vibrationen führen kann, dadurch sind die Kameras auch extrem leise (ähnlich der Leica M)
- TLR's können relativ leicht und klein gebaut werden, ideal für Reisefotografie
Nachteile:
- da Fotograf und Film durch versetzt liegende Objektive schauen, kann es im
Nahbereich durch Parallaxe zu einem leicht versetzten Ausschnitt auf dem Bild kommen.
- bis auf die (dadurch grösseren und schwereren) Mamyia C - Modelle haben
TLR's feste Objektive, meistens im Bereich der Standardbrennweiten (beim
Mittelformat 75 bis 80 mm, was in etwa dem Kleinbildstandard von 50 mm entspricht)
Wenn man den "Deckel" oben aufklappt, schaut man auf die Mattscheibe. Sie
nimmt fast den gesamten Querschnitt der Kamera ein, so dass ein herrlich
grossens Sucherbild entsteht, dass ähnlich wie eine grosse LCD-Anzeige eine
sehr gute Beurteilung des späteren Bildes zulässt. Der einzige Nachteil besteht
darin, dass die Darstellung seitenverkehrt ist: wie im Spiegel zu hause ist
links und rechts vertauscht. Am Anfang ist das irritierend, man gewöhnt sich
jedoch schnell dran.
Zur genaueren Einstellung der Schärfe kann aus dem Deckel eine kleine Lupe
aufgeklappt werden, so dass mit einem vergrösserten Ausschnitt der Mattscheibe
die Feineinstellung der Entfernung unterstützt wird.
Die Konstruktion enthält auch noch einen sogenannten Sportsucher: wenn die
Klappe im Deckel, mit der man die Lupe herausdrückt, ganz nach unten geklappt
wird, entsteht eine Öffnung (einfach ein Loch), durch das man sein sportliches
Ziel verfolgen und einfangen kann. Ich habe diesen Sportsucher noch nie
genutzt, klar ist, dass das nur bei ungefährer Voreinstellung der Entfernung
und möglichst kleiner Blende funktioniert, da so natürlich keine Kontrolle
der Entfernung auf der Mattscheibe möglich ist.
Auf der linken Gehäuseseite findet man einen grossen Knopf, mit dem die
Entfernung eingestellt wird, sowie zwei kleine Knöpfe, die beim Einlegen
des Films benötigt werden.
Die Entfernungseinstellung bewirkt, dass die gesamte Frontplatte mit den
beiden Objektiven darauf verschoben wird. So wird erreicht, dass mit einer
Bewegung beide Objektive bewegt werden, so dass der Fotograf immer die
selbe Schärfenebene auf der Mattscheibe sieht, die auch für den Film gilt.
Auf der rechten Gehäuseseite befindet sich eine Kurbel, die ausgeklappt werden
kann und gleichzeitig den Films vorwärtsspult (eine halbe Umdrehung nach vorne)
und durch eine kurze Bewegung zurück dann den Verschluss spannt.
Um die Objektive auf der Frontplatte sind die restlichen Bedienungselemente
angebracht:
je ein Hebel für die Einstellung von Blende und Verschlusszeit links und
rechts vom Sucherobjektiv, ein Hebelchen für den Selbstauslöser sowie
rechts unten (vom Fotografen hinter der Kamera aus gesehen) der Auslöser,
mit Gewinde für einen Drahtauslöser.
Der Auslöseknopf "steht" auf der Frontplatte, so dass der Fotograf den
Knopf nach hinten (gegen sich gerichtet) drückt. Am Anfangs störte mich
das etwas, später stellte ich aber fest, dass es sich so wesentlich ruhiger
auslösen lässt als z.B. mit dem Auslöser der RolleiCord, der nach oben
gedrückt werden muss.
Blitzgeräte lassen sich über den seitlich angebrachten Normschuh mit X-Kontakt
anschliessen, oder via Kabel über eine Buchse.
Film einlegen
Geöffnet wird die Kamera, indem ein Sicherungshebelchem unter der Kamera
gedrückt, der Verschluss (ebenfalls am Kameraboden, er enthält auch das
Stativgewinde) gegen den Uhrzeigersinn gedreht und dann die halbe Kamera
aufgeklappt wird. Die gesamte Unter- und Rückseite hängen an einem Scharnier
oben hinter dem Faltlichschacht des Suchers und werden geöffnet, um einen
Film zu wechseln.
Das Filmeinlegen selber ist noch umständlicher als beim Kleinbild, geschweige
denn APS, wo nur noch die Patrone eingeworfen werden muss. Das fängt damit
an, dass der Rollfilm keine Patrone hat, sondern einfach auf eine Spule
aufgewickelt ist. Damit der Film nicht schon beim Einlegen belichtet wird,
ist auf der Rückseite des Films ein lichtdichtes Papier aufgeklebt. Das
ist alles. Eine Perforierung hat er auch nicht, er wird also ausschliesslich
durch die Spule gezogen, auf die er aufgewickelt wird.
Die Kamera wird mit einer Leerspule geliefert, diese wird in die obere
Kammer eingelegt, der Film in die Untere (hierzu sind die beiden Knöpfe
auf der linken Gehäuseseite da, mit ihnen wird die Arretierung der Spule
etwas zurückgezhogen, damit sie dazwischengesetzt werden kann).
Anschliessend wird das Ende des Films in einen Schlitz in der oberen Spule
eingeführt, vorsichtig so zurechtgeschoben, dass der Film mittig liegt,
und dann mit Hilfe der Kurbel vorgespult, bis eine Markierung auf der
Filmrückseite genau neben einer kleinen Markierung in der Kamera liegt.
Jetzt kann das Gehäuse wieder geschlossen und der Film vorgespult werden,
bis das Zählwerk auf "1" springt und die Kurbel automatisch gestoppt wird.
Am Ende des Films wird nicht zurückgespult, er bleibt einfach auf der oberen
Spule, die nun leere untere Spule wird herausgenommen, oben eingesetzt, und
dient dem nächsten Film als Fangspule. Und so weiter und so fort.
Im Vergleich mit einer Rolleicord ist das Vorwärtsspulen des Films extrem
schwergängig. Der Vorteil dürfte aber darin liegen, dass der Film dadurch
in jedem Fall plan liegt, was bei meiner späteren Rolleicord nicht immer
der Fall ist.
Fotografieren
Zurück zu den Wurzeln ! An einer TLR geht nichts automatisch, aber auch
gar nichts. Nicht einmal die Belichtung messen kann man mit der B.I.G.
Twin 4, dazu erwarb ich einen kleinen Handbelichtungsmesser, den Gossen
Bix, der batterielos über eine Selenzelle misst.
Regel Nummer 1 für alle Kameras : wo immer es möglich ist, mit STATIV
fotografieren ! Und zwar nicht mit dem leichtesten und kleinsten, was sich
so gut tragen lässt, sondern mit dem grössten und schwersten, das man
noch schleppen und bezahlen kann ! Wozu die Kosten und den Umstand teurer
Objektive beim Kleinbild, vieler Pixel bei der Digitalkamera oder eben
relativ hoher Prozesskosten beim Mittelformat, wenn die ganze Pracht und
Vielfalt durch unsere gottgegebene Zitterei wieder zunichte gemacht wird ?
Zugegeben, für den Schnappschuss an Omas Geburtstag oder den
Meisterschaftspokal der Sportvereins wird kein vernünftiger Mensch zum
Stativ greifen (höchstens zum Einbein, wenn das Tele zu schwer ist), für
alle planbaren und wenig beweglichen Objekte ist das Stativ aber unbedingt
ein Muss. Bevor ich mich jetzt in Stativen verliere: demnächst gib't einen
eigenen Bericht dazu, das muss einfach sein.
Die TLR hat jedoch einen Vorteil, wenn es mal nicht mit Stativ geht:
da die Kamera nicht vors Auge gehalten werden muss, sondern am Gurt
vor der Brust baumelt und wir von oben in den Lichtschacht schauen,
lässt sie sich wunderbar stabilisieren, indem sie am Gurt nach unten
gezogen wird. So wird sie gewissermassen eingespannt, wir müssen nichts
aktiv halten, es werden kaum Erschütterungen durch Muskelzittern oder
Pulsschlag übertragen. Zudem werden im grösseren Format leichte Unschärfen
besser verdeckt, da nicht so gross vergrössert wird.
Und wie macht man jetzt das Bild ?
- Belichtung messen (gar nicht so leicht, wenn man dabei nicht durch den
Sucher auf das Objekt der fotografischen Begierde gucken kann !)
- Blende und Zeit einstellen
- Film vorspulen und Verschluss spannen
- Schärfe einstellen
- und auslösen.
Beachtlich, wovon uns moderne Elektronik sonst weitgehend befreit. Aber
wunderbar, weil man den Prozess unter Kontrolle hat.
Im Prinzip war's das. Es gibt keine Menüs und Untermenüs mit hunderten
von Einstellungen, keine versteckten Funktionstasten, einfach nichts.
Alles, wofür die moderne Kamera ihre vielen Menüs und Einstellungen braucht,
wird hier über Schärfe, Blende und Verschlusszeit geregelt. Im Grunde macht
das auch die neueste PenCaNikolta nicht anders, nur dass hier nicht die
Einstellung der Werkzeuge, sondern das Ergebnis ausgewählt wird.
Grundsätzlich sei dem Interessierten, so er noch nicht zu viel über die
Fotografie weiss, die Lektüre eines der Grundlagenbücher über die Zusammenhänge
von Licht, Blende, Verschlusszeiten, Brennweite und so weiter nahegelegt.
Im Grunde ist alles ganz einfach, man muss es nur mal begriffen haben.
Und für die, die nicht gerne Bücher lesen, sondern lieber auf Bildschirme
starren: in Philip Greenspuns http://www.photo.net/photo findet sich alles
für den des Englischen mächtigen auch im Internet, plus tausender Fragen
und Antworten anderer Fotoamateure und Profis.
Ergebnisse
Der Vorteil des Mittelformates gegenüber dem Kleinbild ist sichtbar.
Vergrösserungen im Posterformat (70 x 100 cm) sind ohne sichtbares Korn
oder Unschärfen machbar, trotz normalempfindlichen Films. Letzten Endes
bin ich aber nicht wegen dieser Qualitäten beim Mittelformat geblieben,
sondern wegen eines Effektes, den ich überhaupt nicht erwartet hatte:
das Fotografieren im Mittelformat macht einfach Spass ! Die Kontrolle
über alle Einstellungen, das grosse Sucherbild auf der Mattscheibe, die
Möglichkeit, das Bild komponieren zu können, sowie die grossen
Kontaktabzüge ermöglichen eine Kontrolle über das Bild mit minimalsten
technischen Mitteln, wie sie mit den modernen Automatikkameras nur schwer
möglich ist.
In allen Situationen, in denen ich für den Aufbau des Bildes Zeit habe
(Berge oder Kirchtürme führen selten unvorhergesehene Bewegungen aus...),
setze ich die B.I.G. Twin 4 ein. Auch gestellte Portraits oder
Gruppenaufnahmen in schwarzweiss, komponiert wie alte Hochzeitsbilder,
sind eine wunderschöne Sache.
Bewertung
In der Qualität der Bilder kann ich im Vergleich zu meiner RolleiCord Vb
kaum einen Unterschied feststellen. Die "Qualitätsanmutung", wie es heute so
schön heisst, ist bei der RolleiCord natürlich besser, massive Knöpfe,
Messing, Stahl, Prägungen, alles, was das Auge begehrt. Aber: die B.I.G.
Twin 4 hat mich nie im Stich gelassen, während die RolleiCord bereits eine
kostspielige Reparatur des Verschlusses hinter sich hat (zugegeben, ob
die B.I.G. nach 40 Jahren noch so gut funktioniert wie die Rollei, möchte
ich bezweifeln, und ob man sie dann überhaupt noch repariert bekommt,
ebenfalls).
So liebe ich die RolleiCord (zumal sie im Monat meines Geburtstages
gefertigt wurde, ein Altersgenosse gewissermassen), zu riskanten, dreckigen
oder nassen Einsätzen nehme ich dann aber die B.I.G. Twin 4 mit, weil
sie notfalls für ein paar hunderter ersetzt werden kann, die RolleiCord Vb
dagegen nicht. Und die Ergebnisse sprechen für sich, auch bei grossen
Vergrösserungen kann ich nicht sagen, welches Bild von welcher Kamera
stammt.
Die Technik ist in beiden Fällen einfach, Welten enfernt von heutigen
asphärischen Linsen oder ED-Gläsern modernster Objektive, und dennoch,
bei grossen Vergrösserungen oder Projektionen schlägt die einfache
chinesische Kamera das modernste Kleinbild.
Format ist also durch nichts zu ersetzen als durch mehr Format, ähnlich
wie Hubraum beim Auto durch nichts zu ersetzen ist als durch noch mehr
Hubraum. Die einfache Kamera kann ich absolut empfehlen, sie ist für
Anfänger genauso geeignet wie als Zweitkamera für Fortgeschrittene.
Man kann sie im Auto liegen lassen, im Hotel, bei Kälte oder Hitze,
ausser dem Film ist nicht viel dran, was kaputt gehen könnte.
Technische Daten
Die folgenden Daten entstammen den Angaben von Brenner Fotoversand GmbH.
- Filmtyp 120 (Rollfilm)
- Aufnahmeformat 6x6 cm, 12 Aufnahmen
- Aufnahmeobjektiv 4linsiger Tessar-Typ 75 mm / 3.5, vergütet
- Sucherobjektiv 75 mm / 2.8, vergütet
- Filtergewinde 34 mm
- Zentralverschluss, 1-1/300 sec, B
- Blendenwerte 3.5 - 22
- Entfernung 1 m bis unendlich
- Lichtschaftsucher mit Sucherlupe, Sportsucher, Mattscheibe mit Schnittbild-Indikator
- Parallaxenausgleich automatisch bis 1 m
- Filmtransport über Kurbel, Doppelbelichtungssperre, Knopf für Doppelbelichtung
- Filmzählwerk vorwärtszählend 0 - 12
- Blitzanschluss über Zubehörschuh mit Mittenkontak und PC-Buchse für Kabelanschluss
- Selbstauslöser mit 8-12 sec Vorlauf
- Gewicht 990 g
Zubehör
Spezifisch für diese Kamera ist folgendes Zubehör erhältlich :
- Sonnenblende: sollte in jedem Fall verwendet werden, um Streulicht zu verhindern
- Filter: UV- und Skylightfilter, Polfilter, Weichzeichner sowie diverse Farbfilter für
die s/w-Fotografie mit 34 mm - Gewinde
- Filteradapter für E49 - Filter
- Nahlinse: 2 Stück für Vorlagengrössen von 22x22 bis 40x40 cm (je Objektiv eine)
Ein Belichtungsmesser ist notwendig, hier wollte ich dem mechanischen, d.h. batterieunabhängigen
Charakter der Kamera treu bleiben und habe einen Gossen Bix 3 verwendet. Dem kleinen Kästchen
habe ich nicht viel zugetraut, als ich es das erste Mal in der Hand hielt, es misst jedoch sehr
gut und zuverlässig und hat sich im täglichen Einsatz auch als sehr robust erwiesen.
Das Stativ sei hier noch einmal erwänt, möglichst gross und schwer, sowie für die
Kamera eine Schnellwechselplattte. Auf diese Weise entfällt die lästige Schrauberei,
die Kamera kann einfach auf den Stativkopf (vorzugsweise ein Kugelkopf) aufgesetzt werden.
Durch ihr Brikett-Format passt die Kamera in eine sehr kleine Tasche, so dass sie leichter
mitzunehmen ist als viele Kleinbild-Spiegelreflexkameras mit Zoomobjektiv. Neben der Kamera
sollte ein schmales Fach für Belichtungsmesser und zwei Filme Platz haben.
Dies ist die erste Version des B.I.G. Twin 4 - Berichtes. Er wird formal sicher noch
überarbeitet, auch kommen noch Bilder hinzu.
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