Think Tank Retrospective V2.0 – Die Fototasche

GAS

Kameras und Objektive sind ja bekanntlich das eine Verlangen, das den Fotografen aus Leidenschaft regelmässig überfällt, Fototaschen das andere. Die meisten ernsthafteren Fotografen, die ich kenne, haben einen ganzen Schrank voll Fototaschen, eine für jede Gelegenheit: die Kleine für den Spaziergang, den Rucksack für die Wanderung, die Grosse für den Anlass, die andere Grosse, weil in der ersten das Objektiv immer aus dem Fach rutscht… es gibt tausend Gründe, warum eine Tasche nicht reicht. GAS, gear acquisition syndrom, heisst diese Krankheit, die fast alle Fotografen früher oder später befällt, und die sich nur durch den regelmässigen Erwerb von Objektiven, Kameras und eben Fototaschen vorrübergehend lindern lässt.

Viele Taschen: der Grund

Andersherum kann man sagen: wer nur eine Tasche hat, der fotografiert nicht sehr viel. Denn sobald man danach trachtet, seine Kamera und das oder die passenden Objektive bei jeder sich bietenden Gelegenheit mitnehmen zu können, eben vom Spaziergang mit dem Hund bis zur Projektwoche beim Kunden im Ausland, dann kommt man schlicht nicht darum herum, unterschiedliche Anforderungen mit unterschiedlichen Konzepten lösen zu wollen.

In meinem Fall ist das grösste Problem, Arbeit und Vergnügen unter ein Dach bringen zu wollen. Ich bin beruflich viel unterwegs, mit dem e-Auto, dem Zug, dem Flugzeug, und natürlich den eigenen Füssen.

Das spezifische Problem

Da ich in der Regel zu meinen Kunden fahre, ist die Mitnahme einer offensichtlichen Fototasche keine gute Idee: die meisten Unternehmen sehen nicht gerne Externe mit Kameras herumlaufen, schon gar nicht, wenn meine Arbeit mich in deren Entwicklungsabteilung, das Technischen Büro oder die Produktion führt. Eine „normale“ Fototasche fällt also genauso weg wie der klassische Fotorucksack, zumal ich immer auch Platz für mein Notebook, die Ladegeräte, die Maus, das Notizheft sowie je nach Entfernung Ausweise, Geld, eine Wasserflasche und ähnliches brauche.

Was auf dem Foto noch fehlt: Blitzgerät, die Geldbörse, Visitenkarten-Box, USB-Kabel für die Maus, Wasserflasche, Verpflegung. Es passt alles hinein, und es gäbe noch Platz für mehr, vor allem würde die Kamera auch mit Handgriff oder grossem f/2.8-Zoom noch hineinpassen..

Bisher habe ich das über einen klassischen Büro-Rucksack mit Notebook-Fach gelöst: Notebook im Notebook-Fach, Kamera in einer kleinen Kamera-Tasche (Holster), und diese dann in den Rucksack, der Rest in den diversen Fächern. Eigentlich in Ordnung, das Problem ist nur, dass ich so die Kamera kaum verwende: Rucksack auf, Kameratasche raus, Kameratasche auf, Kamera raus (wohin jetzt mit der Kameratasche?). Natürlich liegt die Kamera auch immer unten: unter Ladegerät, Maus, Kleinteile-Etui, Wasserflache… am Ende habe ich sie meistens nur spazieren getragen, weil der Zugriff zu umständlich ist. Oder sie gleich daheim gelassen, weil selbst eine kleine Kamera durch die Fototasche zu gross wurde.

Die Lösung

In der Zeit habe ich durch einen Zufall eine kleine Retrospective-Tasche von Think Tank für meine Sigma DP1 und DP2 samt Pano-Zubehör gefunden. Das Konzept der Tasche hat mir extrem gut gefallen: der einfache Zugang, die vielen kleinen Fächer, das doppelt geschützte Fach für Papiere, Telefon oder iPad im Inneren, und dazu die schöne Optik (ich habe das Modell aus grünem Stoff mit Leder-Deckel).

Als nun die Version 2.0 dieser Taschen auf den Markt kam und ich die neuen Modelle mit meiner kleinen Tasche verglich, fiel mir die grosse Retrospective 30 ins Auge: mit einem Laptop-Fach bis 15.4″ Grösse, Platz für die grossen Kameras samt Objektiven, das hörte sich vielversprechend an. Fast zu gross, aber in diesem Fall bestimmt das Notebook die Grösse, nicht die Kamera. Nach der Photokina bestellte ich mir eine solche Tasche in „pinestone“, einem leicht verwaschenen Hellgrün, das sehr unauffällig und locker daherkommt.

Hier die Tasche mit allem, was auf dem oberen Bild zu sehen war, und noch ein bisschen mehr.

Ein paar Tage später konnte ich die Tasche bei Foto Marlin in Basel abholen. Gross genug würde sie auf jeden Fall sein, das sah ich auf den ersten Blick, trotzdem herrlich gut zu tragen, das ergab die „Anprobe“ daheim: den Schultergurt verlängern, so dass die Tasche locker auf Hüfthöhe schwingt, wahlweise auf einer Schulter oder quer über die Brust: der breite Gurt mit dem weichen Polster sorgt für eine ideale Lastverteilung. Das bleibt auch so, wenn die Tasche beladen wird: selbst mit der D750 samt Multifunktions-Handgriff und meinen drei wirklich schweren Arbeits-Linsen von Tamron (24-70 mm f/2.8 G2, 15-30 mm f/2.8) und Nikon (70-200 mm f/4) bleibt der Druck auf der Schulter erträglich, man kann sehr gut damit laufen. Das Gewicht also solches ist natürlich da, und ein reiner Foto-Rucksack würde es noch besser auf beide Schultern verteilen. Die Retrospective-Tasche hat jedoch gegenüber dem Rucksack zwei grosse Vorteile: den direkten Zugriff auf Kamera und Objektive, und natürlich die Tatsache, dass ich sie beim Objektivwechsel in freier Wildbahn als Ablage nutzen kann, ohne sie absetzen zu müssen, während ich für die selbe Übung den Rucksack absetzen und irgendwo hinlegen müsste. Allgemein gilt für meine Touren: Fotorucksack, wenn ich viel Material lange und auf schwierigen Wegen schleppen muss, Tasche, wenn die Wege kürzer, der Zugriff auf die Kamera und Objektivwechsel häufiger sind.

Die Einteilung

Der Aufteilung der Tasche merkt man das „v2.0″ im Namen an: da hat sich nicht nur jemand Gedanken gemacht, sondern es ist auch viel praktische Erfahrung in die Konstruktion geflossen.

Der grosse Deckel der Tasche kann mit zwei Klett-Elementen verschlossen werden. Alternativ kann er jedoch auch nur lose alles abdecken, wenn der Klett-Lärm (Raaaatsch…) nicht gewünscht wird oder der schnelle Zugriff auf den Inhalt benötigt wird. Wie schon bei meiner kleinen Tasche sind im Deckel zwei Laschen integriert ,mit dem die eine Seite der Klett-Felder einfach abgedeckt wird, schon ist die Tasche flüsterleise und der Inhalt schnell erreichbar, gleichzeitig schützt der Deckel vor allem bei Regen, Konfetti oder anderen Dingen, die vom Himmel fallen, die Ausrüstung.

Unter dem grossen Deckel gibt es dann einen kleinen: dieser ist mit einem Klettpunkt am grossen befestigt und kann einfach ignoriert werden, oder man nutzt ihn zum sicheren Schliessen der Tasche: der kleine Deckel ist genau so gross wie die Öffnung der Tasche, mit einem rundum laufenden Reissverschluss. Auf Reisen, wenn ich keinen ständigen Zugriff auf den Inhalt benötige, nutze ich genau diese Kombination: grosser Deckel einfach übergeschlagen (ohne Klett), kleiner Deckel mit dem Reissverschluss geschlossen, um Taschendieben die Arbeit zu erschweren.

Das Notebook-Fach innen an der Rückseite ist gut gepolstert und nimmt ein Notebook bis 15.4″ auf. Meines ist nur 14″ gross, es bleibt locker Platz drumherum. Schade, dass es zwischen den Retrospective-Modellen 20 und 30 keine Zwischengrösse gibt (25?): die kleinere bietet nur Platz für Geräte wie Tablets bis 12″ Grösse, eine 14“-Variante gibt es leider nicht, obwohl sehr viele Business-Notebooks heute gerade in dieser Grösse gebaut werden.

Innen an der Vorderseite gibt es ein zweites gepolstertes Fach, ich nutze es vor allem für das iPad und Ausweise, man könnte hier aber auch noch Filter oder ähnliche flache Dinge unterbringen. Alternativ gibt es dafür noch ein per Reissverschluss zugängliches Fach an der Rückseite der Tasche, an das man kommt, ohne den Deckel öffnen zu müssen, ideal für Tickets und andere Dinge, die man schnell herausholen möchte.

Das Hauptfach lässt sich mit den üblichen Trennelementen gut unterteilen. Vormontiert kommen drei einfache sowie zwei mit einer abknickbaren Lasche versehene Elemente, weitere gibt es noch verpackt, sollte man weiter unterteilen wollen. Diese Menge an Trennelementen alleine ist Gold wert: wie oft habe ich bei billigen Taschen geflucht, wenn vom Hersteller nur eine grobe Unterteilung vorgesehen wird, friss oder stirb! Think Tank denkt offenbar mit, so dass nicht nur Leute mit wenigen grossen Zooms, sondern auch die mit vielen kleinen Festbrennweiten, Ladegeräten etc. eine perfekte Lösung einteilen können.

Hier ist die Tasche mit den wesentlichen Objektiven (Tamron 24-70 mm f/2.8 G2 montiert, Tamron 15-30 mm f/2.8 Weitwinkel-Zoom, Nikon 70-200 mm f/4 Telezoom, Nikon 50 mm f/1.8 AF-S, Nikon 28 mm f/2.8 Ai-S), dem Blitzgerät, dem Batterie-Handgriff der Kamera, dem iPad (im vorderen Fach unter der Lasche) sowie diversem Kleinkram gefüllt. Es gibt noch Luft, und demnächst kommt statt des Telezooms von Nikon das grössere und schwerere Tamron 70-200 mm f/2.8 G2 dazu, aber trotz der Fülle lässt sich alles schnell erreichen, ohne dass man die Tasche absetzen muss. Problematisch wird nur das Gewicht: der herrliche Gurt kann einiges abfangen, am Ende sind runde 6-7 kg aber 6-7 kg, die werden nicht leichter. Also heisst es: situationsbedingt packen, nur das mitnehmen, was man wirklich braucht.

Hier noch mal die wichtigsten Dinge aus dem vorigen Bild ausgebreitet (ohne das Kleinmaterial und das iPad):

Wenn ich beruflich reise, dann kommt meist nur die D750 mit ein oder zwei Festbrennweiten mit (28 mm f/2.8 AI-S und 50 mm f/1.8 AF-S) in die Tasche, die restlichen Fächer nutze ich dann für Maus, Ladegeräte für Notebook, Smartphone und Kamera, Arbeitsmaterial und, bei längeren Reisen, Verpflegung für unterwegs. Seitlich gibt es ein herausziehbares Fach für eine Trinkflasche, das man per Gurt in der Grösse einstellen und damit an verschiedene Flaschengrössen anpassen kann.

Äusserlichkeiten

An der Rückseite der Tasche befindet sich eine grosse Lasche, dank der die Tasche über den Griff-Auszug eines Koffers geschoben werden kann und so sicher auf Reisen mit dem Koffer gezogen werden kann, man muss sie dann nicht separat tragen wie meinen Rucksack.

Anfangs für mich ungewohnt, aber dann extrem praktisch ist noch ein kleiner verstellbarer Riemen, der sich quer über den Deckel der Tasche ziehe: er stellt einen Handgriff da, mit dem man die Tasche direkt halten kann, ohne sie am grossen Schultergurt tragen zu müssen. Das ist auch dann sinnvoll, wenn man die voll beladene Tasche von der Schulter nehmen will: mit der einen Hand den Riemen greifen, mit der anderen den Gurt über den Kopf ziehen, so wird die Ausrüstung immer sicher gehalten.

Zu guter Letzt gibt es noch zwei flache Täschchen an der Vorderseite unter dem grossen Deckel, die einzeln mit Klett-Laschen verschlossen sind. In einer befindet sich die Regenschutzhülle für die Tasche, die andere kann für Kleinkram verwendet werden. Ich nutze diese Taschen eigentlich nicht, höchstens zur kurzen Ablage eines Objektivdeckels oder einer Streulichtblende, da ich die Tasche meist so flach wie möglich halten will. Aber das ist eine persönliche Vorliebe, natürlich lassen sich auch diese beiden Fächer vollständig und ganz normal nutzen.

Material

Die gesamte Tasche besteht aus robustem Gewebe, das sich wunderbar grob, aber trotzdem weich anfasst, aber gleichzeitig eine Stärke oder Dicke hat, die einem das Gefühl der Robustheit und Langlebigkeit gibt. Innen finden sich dann glatte Flächen aus Nylon-Gewebe sowie die Längsseiten aus Stoff, in dem sich die Klett-Elemente der Einteilung festmachen lassen.

Alle Beschläge und der Gurt sind sehr grosszügig dimensioniert, so dass sich die Tasche auch unter widrigen Bedingungen gut bedienen lässt. Der Zug des Reissverschlusses ist mit einem Leder-Bändsel verlängert, so dass er gut zu greifen ist, und es gibt keine losen Teile, die man verlieren könnte. Dazu sind alle Nähte sauber und extrem stark ausgeführt: bei meiner kleinen Retrospective-Tasche der ersten Generation, die ich schon lange und viel mit mir herumtrage, sind keine Spuren von Abnutzung oder Auflösung zu erkennen.

Anwendung

Die Art von Taschen, wie die Think Tank Retrospective 30 v2.0 eine ist, eignet sich nach meiner Erfahrung am ehesten für Anlässe, an denen der direkte Zugriff auf den Inhalt wichtig ist: Hochzeit, Veranstaltungen, Reise. Wer so eine Tasche sucht, der hat ausserdem mehrere Gehäuse und / oder Objektive sowie Zubehör dabei, der braucht das Volumen und Fassungsvermögen der Tasche.

Weniger geeignet dürfte die Tasche für lange Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten oder Wassersport sein: hier ist ein möglichst wasserfester Rucksack wahrscheinlich die bessere Lösung, Ausrüstung dieser Grösse wiegt viel und wird besser auf die Schultern verteilt.

Für mich persönlich liegt der grösste Vorteil der Retrospective 30 v2.0 darin, dass sie sowohl als reine Fototasche als auch als Arbeits-Tasche eingesetzt werden kann. Die Form und Tragweise einer der aktuell beliebten Messenger-Taschen (zugegeben: sie trägt etwas dicker auf, aber das hält sich in erträglichem Rahmen) zusammen mit der Material-Anmutung und dem Platz für Notebook und Zubehör lassen nicht automatisch die Fototasche vermuten, sie ist also auch im Büro problemlos einsetzbar.

Positiv im täglichen Gebrauch ist vor allem die Tatsache, dass sie weich genug ist, sich gut an den Körper anzuschmiegen, so dass man einigermassen kompakt daherkommt, andererseits jedoch steif genug, dass sie nicht zusammenfällt, wenn mal kein Notebook oder die volle Belegung mit Kameras und Objektiven für die notwenige Aussteifung sorgen.

Der einzige negative Punkt ist für mich die Ausführung des Taschenbodens: er besteht aus demselben Stoff wie der Rest der Tasche, auf dreckigen oder gar nassen Boden würde ich sie damit nicht abstellen wollen. Eine Leder- oder Kunststoff-Unterseite wäre da schöner gewesen.

Fazit

Die Think Tank Retrospective 30 v2.0 – Tasche ist sowohl im Konzept als auch in der Ausführung ideal für die grössere Ausrüstung, für Fotografen mit Vollformat-DSLRs oder auch Mittelformat-Kameras, klassichen f/2.8er-Objektiven und Zubehör, oder eben dem beruflich reisenden, der neben Notebook, Maus, Ladegerät und Arbeitsutensilien noch die DSLR mit kleinem Zoom oder Festbrennweiten mitnehmen will, und das sowohl seriös als auch gut tragen möchten.

Natürlich ist die Tasche optisch eher entspannt, kein bling-bling-Gucci-Täschchen oder schwarzes Business-Utensil, aber man kann sie zur Trekking-Tour genauso mitnehmen wie zum Geschäftstermin in Anzug und Krawatte.

Das Verschluss-Konzept mit abdeckbaren Klett-Elementen, dem Zwischendeckel mit Reissverschluss und jeder Menge kleiner und grösserer Fächer ist genial: von ganz zu und diebstahlsicher auf der Reise bis zu extrem schnell bedienbar im Hochzeits-Trubel deckt das Konzept alles ab. Dazu kommt die wirklich hervorragende Qualität von Material und Verarbeitung. Der einzige Kritikpunkt ist aus meiner Sicht der Boden, der mit dem Einsatz von Leder besser gegen feuchte oder unsaubere Böden geschützt wäre.

Insgesamt jedoch ist diese spezifische Tasche, aber auch die gesamte Retrospective-Serie von Think Tank absolut zu empfehlen.

 

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