B.I.G. Twin 4

Warum Mittelformat ?

Immer wieder habe ich mich vor der Jahrtausendwende gefragt, wie bzw. womit analoge Fotos in Posterformaten mit einer unglaublichen Schärfe und Farbsättigung aufgenommen und vergrössert wurden. Mit Vergrösserungen meiner Kleinbildnegative auf Posterformate erreichte ich nie die Schärfe und den Detailreichtum, selbst unter Verwendung von Stativ und 50 ASA – Film.

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Die Lösung liegt im Negativ: Mittel- und Grossformatfotografie. Einfach das Negativ so gross wie möglich machen, dann muss es weniger stark vergrössert werden, ergo scheinen Schärfe, Details und Farbsättigung besser.

Grossformat schied damals noch aus, der Kosten und des Aufwandes wegen. Ich hatte keinen Platz und keine Zeit für ein eigenes Labor, und die Negative einzeln ins Fachlabor zu schicken hätte mein Budget gesprengt.

Mittelformat bezieht sich auf alle Kameras, die Rollfilm (120er bzw. 220er Film) verwenden. Der Rollfilm ist grösser als das Kleinbild, bei einer Höhe von 60 mm ergibt sich eine effektiv nutzbare Höhe von ca. 56 mm. Die Breite der Negative wird von den unterschiedlichen Kameras unterschiedlich genutzt:

645 ist eine Zahl, die die „kleinen“ Mittelformatkameras kennzeichnet. Hier wird ein Negativ von 45 mm Breite belichtet, so dass auf einen 120er Film 16 Bilder passen (32 Bilder auf den 220er).

6×6 ist das „klassische“ Format, weil es durch die Rolleiflex und Hasselblad in den 50er und 60er Jahren sehr verbreitet wurde. Die Negative sind quadratisch, die Meinung darüber geteilt, was die Ästhetik, aber auch den Sinn betrifft. Mehr dazu weiter unten.

6×7 wurde als das „Idealformat“ bezeichnet, weil es offenbar sehr gut in die Formate von Magazin- und Titelseiten passt. 6×9, 6×12, 6×17 geht in den Bereich der Panoramafotografie, die auf diese Weise noch ohne spezielle Software Panorama-Bilder ermöglichte.

 

Womit den Einstieg wagen ?

Aber auch die gängigen Mittelformatkameras waren sehr teuer, gemessen an den Preisen moderner Kleinbildkameras. Hintergrund ist wohl die geringe Anzahl, in der sie letzten Endes produziert wurden, als auch die höheren Qualitätsansprüche der Anwender, da sie vornehmlich in der Hand von Berufsfotografen landeten, wo der Preis eine untergeordnete Rolle spielte gegenüber Zuverlässigkeit und Qualität.

Für den weniger betuchten Familienvater blieb folglich der Griff zu einer der russischen oder asiatischen Nachbauten der deutschen und schwedischen Vorbilder, oder eben der Gebrauchtmarkt, beim Fotohändler, über regelmässig stattfindende Fotomärkte, oder eines der Versteigerungshäuser im Internet.

In den Fotografie-Foren des Internets fragte ich nach, welches Vorgehen für einen Amateur ohne Vorwissen denn sinnvoll sei. Die einhellige Meinung vieler alter Hasen auf meine Anfragen war eindeutig:

Suche eine gebrauchte YashicaMat, Mamyia C330 oder Rolleiflex, damit hast Du für wenige Mark (ja, es gab eine Währung vor dem Euro!) einen idealen Einstieg ins Mittelformat. Lass die Finger von Seagull, Lubitel, Kiev und wie sie alle heissen, sie taugen nichts und kosten auch nicht viel weniger als eine gute Gebrauchte.

Ich ging also hin und schaute mir die Geräte erst mal beim Händler an, und sie erweckten jede Menge Ehrfurcht in mir: schönes Leder, satter Verschluss, gepflegte und gut erhaltene Geräte. Und auf solche schönen Teile, die zudem ja nicht mehr hergestellt werden, wollten die mich loslassen ? Ohne Erfahrung? Ohne Garantie ?

 

B.I.G. / Gullwing

Bei Brenner Fotoversand fand ich die Alternative: B.I.G. Twin 4, ein Rolleiflex-Verschnitt aus aktueller chinesischer Herstellung, im Rest der Welt als „Gullwing“ verkauft. 

Entgegen den Ratschlägen der alten Hasen beschloss ich, meine ersten Gehversuche im Mittelformat mit einem solchen „Billigteil“ zu unternehmen, um später mit entsprechender Erfahrung eines der schönen Originale zu erwerben.

Billig ist relativ: die B.I.G. Twin 4 kostete ganze DM 498,00 dazumal, heute wären das rund Euro 250,00. Für das Geld gab es auch eine Canon EOS 3000n (Gehäuse), mit viel Elektronik und feinen Details. Als Seagull liess sie sich in Asien oder Amerika offenbar auch wesentlich billiger finden, Brenner legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass durch die enge Zusammenarbeit zwischen ihnen und dem Hersteller sowie zusätzlicher Qualitätskontrollen ein wesentlicher Qualitätsunterschied zwischen der B.I.G. und den chinesischen Originalen liege.

Ich kann mangels Vergleiches nicht die Qualität der Seagull beurteilen, meine B.I.G. hat mich jedoch noch nie im Stich gelassen, und auch die gefürchteten Fertigungstoleranzen scheinen hier im geplanten Rahmen zu liegen: nichts klappert, auch mit zunehmendem Gerbrauch trat kein Spiel oder Verschleiss auf. Meines Wissens ist Seagull von Minolta gekauft worden, was sich hier positiv widerspiegeln dürfte.

Kaufmännisch gesehen war die Kamera damals äusserst unwirtschaftlich. Eine gebrauchte Rolleicord oder YashicaMat für ca. 250 Euro verlor nicht an Wert, nach einem Jahr wird man den Betrag mehr oder weniger wieder herausholen. Eine B.I.G. Twin 4 brachte nach einem Jahr nicht einmal mehr die Hälfte ihres Neupreises. Man kaufte sie, um sie zu behalten, und sei es nur als Ersatz oder Kamera fürs Grobe. Andererseits hatte sie damals Garantie. Die Reparatur des Verschlusses einer Rolleiflex verschlingt schnell ein paar Hunderter, so dass der Vorteil des nicht vorhandenen Wertverlustes schnell dahin war, wenn das Unvorhergesehene passierte. Auf eine gebrauchte Seagull oder B.I.G. Twin trifft das natürlich nicht mehr zu, kaputt ist hier im Zweifelsfalle kaputt, eine Reparatur beim Feinmechaniker dürfte sich kaum lohnen. Erstaunlicherweise sind die Exemplare, die in den Auktionen auf dem Internet auftauchen, heute kaum günstiger als vergleichbare „klassische“ TLR’s. Offenbar sorgt die Tatsache, dass sie um Jahre jünger als die Konkurrenten und vor allem nicht mehr neu zu kaufen sind nun doch noch für einen kleinen Markt.

 

Die Kamera

So, aber jetzt zur Kamera. Ich bestellte sie bei Brenner, und ein paar Tage später erhielt ich ein Paket, in diesem einen edel schwarz glänzenden Karton, in dem Karton leuchtend blauer Samt, und mitten drin etwas, was aussah wie ein schwarz-grauer Ziegelstein.

BIG

Der Ziegelstein entpuppte sich schnell als handliches Gehäuse aus schwarz lackiertem Blech mit grauer Belederung (Bekunststofferung ?), den zwei Objektiven und ein paar Knöpfen und Hebeln. Es gab von dieser Kamera übrigens auch eine blaue Version, die in einer Auflage von 1’000 Stück auf den Markt kam.

Schnell noch ein paar Sätze zum Prinzip der Kameras: die Rolleiflex und ihre Nachbauten sind sogenannte zweiäugige Spiegelreflexkameras, im Englischen TLR (twin lens reflex). Der Witz daran ist, dass hier kein Schwingspiegel wie bei modernen Kleinbild-Spiegelreflexkameras verwendet wird, sondern ein feststehender Spiegel. Dafür kommen zwei Objektive zum Einsatz: durch das Untere wird der Film belichtet, durch das Obere schaut der Fotograf.

Vorteile:

  • gegenüber Sucherkameras kann die Schärfe und Schärfentiefe beurteilt werden, weil der Fotograf auch durch ein Objektiv schaut
  • gegenüber einäugigen Spiegelreflexkameras entfällt der Spiegelschlag, der vor allem im Mittelformat auf Grund der Grösse des Spiegels zu nicht unerheblichen Vibrationen führen kann, dadurch sind die Kameras auch extrem leise (ähnlich der Leica M, im Grunde sogar noch leiser, da der Zentralverschluss im Objektiv weniger Lärm macht als der Gummituch-Verschluss der Leica)
  • TLR’s können für Mittelformat-Verhältnisse relativ leicht und klein gebaut werden, ideal für Reisefotografie

Nachteile:

  • da Fotograf und Film durch versetzt liegende Objektive schauen, kann es im Nahbereich durch Parallaxe zu einem leicht versetzten Ausschnitt auf dem Bild kommen.
  • bis auf die (dadurch grösseren und schwereren) Mamyia C – Modelle haben TLR’s feste Objektive, meistens im Bereich der Standardbrennweiten (beim Mittelformat 75 bis 80 mm, was in etwa dem Kleinbildstandard von 50 mm entspricht)

Wenn man den „Deckel“ oben aufklappt, schaut man auf die Mattscheibe. Sie nimmt fast den gesamten Querschnitt der Kamera ein, so dass ein herrlich grossens Sucherbild entsteht, dass ähnlich wie eine grosse LCD-Anzeige eine sehr gute Beurteilung des späteren Bildes zulässt. Der einzige Nachteil besteht darin, dass die Darstellung seitenverkehrt ist: wie im Spiegel zu hause ist links und rechts vertauscht. Am Anfang ist das irritierend, man gewöhnt sich jedoch schnell dran.

Zur genaueren Einstellung der Schärfe kann aus dem Deckel eine kleine Lupe aufgeklappt werden, so dass mit einem vergrösserten Ausschnitt der Mattscheibe die Feineinstellung der Entfernung unterstützt wird.

Die Konstruktion enthält auch noch einen sogenannten Sportsucher: wenn die Klappe im Deckel, mit der man die Lupe herausdrückt, ganz nach unten geklappt wird, entsteht eine Öffnung (einfach ein Loch), durch das man sein sportliches Ziel verfolgen und einfangen kann. Ich habe diesen Sportsucher noch nie genutzt, klar ist, dass das nur bei ungefährer Voreinstellung der Entfernung und möglichst kleiner Blende funktioniert, da so natürlich keine Kontrolle der Entfernung auf der Mattscheibe möglich ist.

Auf der linken Gehäuseseite findet man einen grossen Knopf, mit dem die Entfernung eingestellt wird, sowie zwei kleine Knöpfe, die beim Einlegen des Films benötigt werden.

Die Entfernungseinstellung bewirkt, dass die gesamte Frontplatte mit den beiden Objektiven darauf verschoben wird. So wird erreicht, dass mit einer Bewegung beide Objektive bewegt werden, so dass der Fotograf immer die selbe Schärfenebene auf der Mattscheibe sieht, die auch für den Film gilt.

Auf der rechten Gehäuseseite befindet sich eine Kurbel, die ausgeklappt werden kann und gleichzeitig den Films vorwärtsspult (eine halbe Umdrehung nach vorne) und durch eine kurze Bewegung zurück dann den Verschluss spannt.

Um die Objektive auf der Frontplatte sind die restlichen Bedienungselemente angebracht:
je ein Hebel für die Einstellung von Blende und Verschlusszeit links und rechts vom Sucherobjektiv, ein Hebelchen für den Selbstauslöser sowie rechts unten (vom Fotografen hinter der Kamera aus gesehen) der Auslöser, mit Gewinde für einen Drahtauslöser.

Der Auslöseknopf „steht“ auf der Frontplatte, so dass der Fotograf den Knopf nach hinten (gegen sich gerichtet) drückt. Am Anfangs störte mich das etwas, später stellte ich aber fest, dass es sich so wesentlich ruhiger auslösen lässt als z.B. mit dem Auslöser der RolleiCord, der nach oben gedrückt werden muss.

Blitzgeräte lassen sich über den seitlich angebrachten Normschuh mit X-Kontakt anschliessen, oder via Kabel über eine Buchse.

 

Film einlegen

Geöffnet wird die Kamera, indem ein Sicherungshebelchem unter der Kamera gedrückt, der Verschluss (ebenfalls am Kameraboden, er enthält auch das Stativgewinde) gegen den Uhrzeigersinn gedreht und dann die halbe Kamera aufgeklappt wird. Die gesamte Unter- und Rückseite hängen an einem Scharnier oben hinter dem Faltlichschacht des Suchers und werden geöffnet, um einen Film zu wechseln.

Das Filmeinlegen selber ist noch umständlicher als beim Kleinbild, geschweige denn APS, wo nur noch die Patrone eingeworfen werden muss. Das fängt damit an, dass der Rollfilm keine Patrone hat, sondern einfach auf eine Spule aufgewickelt ist. Damit der Film nicht schon beim Einlegen belichtet wird, wird die Rückseite des Films durch ein lichtdichtes Papier geschützt. Das ist alles. Eine Perforierung hat er auch nicht, er wird also ausschliesslich durch die Spule gezogen, auf die er aufgewickelt wird.

Die Kamera wird mit einer Leerspule geliefert, diese wird in die obere Kammer eingelegt, der Film in die Untere (hierzu sind die beiden Knöpfe auf der linken Gehäuseseite da, mit ihnen wird die Arretierung der Spule etwas zurückgezhogen, damit sie dazwischengesetzt werden kann).
Anschliessend wird das Ende des Films in einen Schlitz in der oberen Spule eingeführt, vorsichtig so zurechtgeschoben, dass der Film mittig liegt, und dann mit Hilfe der Kurbel vorgespult, bis eine Markierung auf der Filmrückseite, meist ein grosser Doppelpfeil, genau neben einer kleinen Markierung in der Kamera liegt.

Jetzt kann das Gehäuse wieder geschlossen und der Film vorgespult werden, bis das Zählwerk auf „1“ springt und die Kurbel automatisch gestoppt wird.

Am Ende des Films wird nicht zurückgespult, er bleibt einfach auf der oberen Spule, die nun leere untere Spule wird herausgenommen, oben eingesetzt, und dient dem nächsten Film als Fangspule. Und so weiter und so fort.

Im Vergleich mit einer Rolleicord ist das Vorwärtsspulen des Films extrem schwergängig. Der Vorteil dürfte aber darin liegen, dass der Film dadurch in jedem Fall plan liegt, was bei meiner späteren Rolleicord nicht immer der Fall war.

 

Fotografieren

Zurück zu den Wurzeln ! An einer TLR geht nichts automatisch, aber auch gar nichts. Nicht einmal die Belichtung messen kann man mit der B.I.G. Twin 4, dazu erwarb ich einen kleinen Handbelichtungsmesser, den Gossen Bix, der batterielos über eine Selenzelle misst.

Regel Nummer 1 für alle Kameras : wo immer es möglich ist, mit STATIV fotografieren ! Und zwar nicht mit dem leichtesten und kleinsten, was sich so gut tragen lässt, sondern mit dem grössten und schwersten, das man noch schleppen und bezahlen kann ! Wozu die Kosten und den Umstand teurer Objektive beim Kleinbild, vieler Pixel bei der Digitalkamera oder eben relativ hoher Prozesskosten beim Mittelformat, wenn die ganze Pracht und Vielfalt durch unsere gottgegebene Zitterei wieder zunichte gemacht wird ? Zugegeben, für den Schnappschuss an Omas Geburtstag oder den Meisterschaftspokal des Sportvereins wird kein vernünftiger Mensch zum Stativ greifen (höchstens zum Einbein, wenn das Tele zu schwer ist), für alle planbaren und wenig beweglichen Objekte ist das Stativ aber ein Muss. Bevor ich mich jetzt in Stativen verliere: dazu gibt es einen eigenen Bericht dazu, das muss einfach sein.

Die TLR hat jedoch einen Vorteil, wenn es mal nicht mit Stativ geht: da die Kamera nicht vors Auge gehalten werden muss, sondern am Gurt vor der Brust baumelt und wir von oben in den Lichtschacht schauen, lässt sie sich wunderbar stabilisieren, indem sie am Gurt nach unten gezogen wird. So wird sie gewissermassen eingespannt, wir müssen nichts aktiv halten, es werden kaum Erschütterungen durch Muskelzittern oder Pulsschlag übertragen. Zudem werden im grösseren Format leichte Unschärfen besser verdeckt, da nicht so gross vergrössert wird.

Und wie macht man jetzt das Bild ?

  • Belichtung messen (gar nicht so leicht, wenn man dabei nicht durch den Sucher auf das Objekt der fotografischen Begierde gucken kann !)
  • Blende und Zeit einstellen
  • Film vorspulen und Verschluss spannen
  • Schärfe einstellen
  • und auslösen.

Beachtlich, wovon uns moderne Elektronik sonst weitgehend befreit. Aber wunderbar, weil man den Prozess unter Kontrolle hat.

Im Prinzip war’s das. Es gibt keine Menüs und Untermenüs mit hunderten von Einstellungen, keine versteckten Funktionstasten, einfach nichts. Alles, wofür die moderne Kamera ihre vielen Menüs und Einstellungen braucht, wird hier über Schärfe, Blende und Verschlusszeit geregelt. Im Grunde macht das auch die neueste PenCaNikSony nicht anders, nur dass hier nicht die Einstellung der Werkzeuge, sondern das Ergebnis ausgewählt wird.

Grundsätzlich sei dem Interessierten, so er noch nicht zu viel über die Fotografie weiss, die Lektüre eines der Grundlagenbücher über die Zusammenhänge von Licht, Blende, Verschlusszeiten, Brennweite und so weiter nahegelegt. Im Grunde ist alles ganz einfach, man muss es nur mal begriffen haben. Und für die, die nicht gerne Bücher lesen, sondern lieber auf Bildschirme starren: hier im weltweiten Netz finden sich hunderte von wunderbaren Einführungen und Beschreibungen, dazu hunderte von Foren in allen Sprachen, die tausende Fragen und Antworten anderer Fotoamateure und Profis enthalten, aus denen man unendlich viel lernen kann, wenn man sich die Mühe macht, hier einmal zu stöbern..

 

Ergebnisse


Der Vorteil des Mittelformates gegenüber dem Kleinbild ist sichtbar. Vergrösserungen im Posterformat (70 x 100 cm) sind ohne sichtbares Korn oder Unschärfen machbar, trotz normalempfindlichen Films. Letzten Endes bin ich aber nicht wegen dieser Qualitäten beim Mittelformat geblieben, sondern wegen eines Effektes, den ich überhaupt nicht erwartet hatte: das Fotografieren im Mittelformat macht einfach Spass ! Die Kontrolle über alle Einstellungen, das grosse Sucherbild auf der Mattscheibe, die Möglichkeit, das Bild komponieren zu können, sowie die grossen Kontaktabzüge ermöglichen eine Kontrolle über das Bild mit minimalsten technischen Mitteln, wie sie mit den modernen Automatikkameras nur schwer möglich ist.

Dazu kommt ein systembedingter Effekt, der auch mit modernen Digitalkameras physikalisch bedingt nicht zu erreichen ist: durch das grosse Negativ sind die effektiven Brennweiten der Objektive sehr viel länger (75 oder 80 mm sind im Mittelformat das, was an einer DX-Nikon wie der D5500 35 mm sind!). Der sichtbare Effekt ist die sehr viel kleinere Schärfentiefe: dadurch lassen sich wunderschöne Bilder mit isoliertem Hauptelement und cremig verschwommenem Hintergrund komponieren, ohne dass man den „Tunnelblick“ bekommt, den ein 85 mm Portraittele an einer DSLR erzeugt (da es hier als Teleobjektiv den Bildwinkel stark konzentriert).

In vielen Situationen, in denen ich für den Aufbau des Bildes Zeit habe (Berge oder Kirchtürme führen selten unvorhergesehene Bewegungen aus…), setze ich daher Mittelformatkameras ein. Auch gestellte Portraits oder Gruppenaufnahmen in schwarzweiss, komponiert wie alte Hochzeitsbilder, sind eine wunderschöne Sache.

 

Bewertung

In der Qualität der Bilder kann ich im Vergleich zu meiner RolleiCord Vb kaum einen Unterschied feststellen. Die „Qualitätsanmutung“ der Kamera, wie es heute so schön heisst, ist bei der RolleiCord natürlich besser, massive Knöpfe, Messing, Stahl, Prägungen, alles, was das Auge begehrt. Aber: die B.I.G. Twin 4 hat mich nie im Stich gelassen, während die RolleiCord bereits eine kostspielige Reparatur des Verschlusses hinter sich hat (zugegeben, ob die B.I.G. nach 40 Jahren noch so gut funktioniert wie die Rollei, möchte ich bezweifeln, und ob man sie dann überhaupt noch repariert bekommt, ebenfalls).

So liebe ich die RolleiCord (zumal sie im Monat meines Geburtstages gefertigt wurde, ein Altersgenosse gewissermassen), zu riskanten, dreckigen oder nassen Einsätzen nehme ich dann aber die B.I.G. Twin 4 mit, weil sie notfalls für wenig Geld ersetzt werden kann, die RolleiCord Vb dagegen nicht. Und die Ergebnisse sprechen für sich, auch bei grossen Vergrösserungen kann ich nicht sagen, welches Bild von welcher Kamera stammt.

Die Technik ist in beiden Fällen einfach, Welten enfernt von heutigen asphärischen Linsen oder ED-Gläsern modernster Objektive und komplexer Kamera-Computer, die Ergebnisse, vor allem aber als Grossvergrösserung an der Wand, analog auf Papier gebracht, sind einfach umwerfend.

Format ist also durch nichts zu ersetzen als durch mehr Format, ähnlich wie Hubraum beim Auto durch nichts zu ersetzen ist als durch noch mehr Hubraum. Die einfache Kamera kann ich absolut empfehlen, sie ist für Anfänger genauso geeignet wie als Zweitkamera für Fortgeschrittene. Man kann sie im Auto liegen lassen, im Hotel, bei Kälte oder Hitze, ausser dem Film ist nicht viel dran, was kaputt gehen könnte.

 

Technische Daten

Die folgenden Daten entstammen den Angaben von Brenner Fotoversand GmbH.

  • Filmtyp 120 (Rollfilm)
  • Aufnahmeformat 6×6 cm, 12 Aufnahmen
  • Aufnahmeobjektiv 4linsiger Tessar-Typ 75 mm / 3.5, vergütet
  • Sucherobjektiv 75 mm / 2.8, vergütet
  • Filtergewinde 34 mm
  • Zentralverschluss, 1-1/300 sec, B
  • Blendenwerte 3.5 – 22
  • Entfernung 1 m bis unendlich
  • Lichtschaftsucher mit Sucherlupe, Sportsucher, Mattscheibe mit Schnittbild-Indikator
  • Parallaxenausgleich automatisch bis 1 m
  • Filmtransport über Kurbel, Doppelbelichtungssperre, Knopf für Doppelbelichtung
  • Filmzählwerk vorwärtszählend 0 – 12
  • Blitzanschluss über Zubehörschuh mit Mittenkontak und PC-Buchse für Kabelanschluss
  • Selbstauslöser mit 8-12 sec Vorlauf
  • Gewicht 990 g

 

Zubehör

Spezifisch für diese Kamera war folgendes Zubehör erhältlich :

  • Sonnenblende: sollte in jedem Fall verwendet werden, um Streulicht zu verhindern
  • Filter: UV- und Skylightfilter, Polfilter, Weichzeichner sowie diverse Farbfilter für die s/w-Fotografie mit 34 mm – Gewinde
  • Filteradapter für E49 – Filter
  • Nahlinse: 2 Stück für Vorlagengrössen von 22×22 bis 40×40 cm (je Objektiv eine)

Ein Belichtungsmesser ist notwendig, hier wollte ich dem mechanischen, d.h. batterieunabhängigen Charakter der Kamera treu bleiben und habe einen Gossen Bix 3 verwendet. Dem kleinen Kästchen habe ich nicht viel zugetraut, als ich es das erste Mal in der Hand hielt, es misst jedoch sehr gut und zuverlässig und hat sich im täglichen Einsatz auch als sehr robust erwiesen. Heute ist er meines Wissens nur noch gebraucht zu finden, andererseits gibt es gute Apps für das Smartphone, mit dem ebenfalls gemessen werden kann, so dass ein zusätzliches Teil entfällt, das man mit sich herumschleppen muss. Für das iPhone gibt es sogar einen Belichtungsmesser mit einem Aufsatz, der über die Kopfhörerbuchse die Lichtmessung ermöglicht, anders als die Verfahren, die die Kamera des Smartphones nutzen, aber damit auf die Objektmessung beschränkt sind.

Das Stativ sei hier noch einmal erwänt, möglichst gross und schwer, sowie für die Kamera eine Schnellwechselplattte. Auf diese Weise entfällt die lästige Schrauberei, die Kamera kann einfach auf den Stativkopf (vorzugsweise ein Kugelkopf) aufgesetzt werden.

Durch ihr Brikett-Format passt die Kamera in eine sehr kleine Tasche, so dass sie leichter mitzunehmen ist als viele Kleinbild-Spiegelreflexkameras mit Zoomobjektiv. Neben der Kamera sollte ein schmales Fach für Belichtungsmesser und zwei Filme Platz haben.