Analog? Teil 3: Fotografieren

Nun haben wir also eine Kamera, einen Film darin, irgendeine Form der Belichtungsmessung (und wenn es nur die „sunny 16“ – Regel im Kopf ist), es kann also losgehen.

Das ist der Moment vor allem für etwas techniklastige Nerds wie mich, in denen man sich häufig fühlt wie der berühmte Buchautor vor dem weissen Blatt: was zum Teufel soll man denn jetzt fotografieren? Da sitzt man nun vor seinem klassischen mechanischen Wunderwerk, wartet auf den Kuss der Muse, die Eingebung, die Gelegenheit des Jahrhunderts, aber es passiert einfach… nichts.

Mehr noch als bei der digitalen Fotografie gilt hier, dass schlicht noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Zu meinen eigenen Anfängen habe ich das zwar auch immer gelesen, aber schlicht nicht wirklich geglaubt: natürlich braucht Produkt- oder Studiofotografie Erfahrung, schliesslich ist die Licht- und Studiotechnik kompliziert, aber einfach nur auf einer Reise Bilder machen? Wo liegt das Problem?

Das Problem liegt, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Eigentlich tritt das Problem bei Smartphones und anderen digitalen Kameras genauso auf, nur fällt es hier weniger auf, weil die Farben so bunt, der kurze Weg zum Bild und in den Papierkorb samt erneuter Aufnahme so schmerzlos und kurz ist. Nach mühsamer Belichtungsmessung, einem der wenigen Bilder auf dem Film und einer langen Wartezeit bis zur Entwicklung und Vergrösserung oder Scan dann festzustellen, dass das erwartete Kunstwerk im besten Fall einfach nur langweilig, vielleicht sogar unscharf, verwackelt, unter- oder überbelichtet ist, das schmerzt, das nagt am Ego und vor allem an der Motivation, und bei vielen Menschen ist das nach meiner Erfahrung der Moment, wo die schöne analoge Ausrüstung im Schrank landet und der potentielle Fotograf doch wieder zum Smartphone greift. Übung macht den Meister, der eben nicht so einfach vom Himmel fällt, und wer es zu etwas bringen will, der muss da ganz einfach durch!

Warum soll nun das Problem im Auge des Betrachters liegen? Das hat viel damit zu tun, dass wir selber, die Fotografen, nicht objektiv sind, unser Bild nicht nach dem bewerten, was darauf zu sehen ist, sondern nach dem, was wir beim Abdrücken gesehen haben. Jemand, der nur das Bild alleine sieht, der nicht dabei war, als es entstanden ist, der sieht ganz anders: denn seine Wahrnehmung, seine Interpretation basiert ausschliesslich auf dem, was er nun auf dem Papier oder dem Bildschirm sieht, kein emotionaler Eindruck vor Ort, kein wunderbares Gefühl bei der Betrachtung des Sonnenuntergangs oder der Partnerin stört diese Empfindung. Das Bild ist ganz einfach da zu Ende, wo das Papier aufhört, man hört nichts, man riecht nichts, man schmeckt nichts. Das Bild alleine muss den Eindruck herüberbringen, den man beim Fotografieren einfangen wollte.

Schönheit

Wie also definiert sich das „gute“ Bild, das Bild, das beim Betrachter etwas auslöst? Darüber zerbrechen sich die Menschen schon seit tausenden von Jahren den Kopf. Und „die“ Lösung, das Standard-Rezept für ein gutes Bild gibt es schlicht nicht: es gibt Dinge, die uns ganz allgemein ansprechen oder indifferent lassen (vor allem bei Symmetrien, Farbkombinationen etc.), aber oft ist es auch der Bruch mit der Konvention, der ein Bild interessant macht.

Am interessantesten sind nach meiner Erfahrung zudem die Bilder, die nicht nur „schön“ an sich sind, sondern die, die auch noch eine Geschichte erzählen, auf denen der Betrachter ein Bild, eine Ahnung von zeitlichen Abläufen erhält, von Zusammenhängen, kurz: wenn eine tiefere Bedeutung im Bild gesehen werden kann.  Das ist bei einem Stillleben tendenziell schwieriger als bei Aufnahmen von Menschen oder gar Kriegsreportagen, es ist aber auch aus meiner Sicht die ganz hohe Schule der Bildgestaltung, egal ob gemalt oder fotografiert.

Es gib also wieder nur einen Weg, sich zu verbessern: lernen und üben. Und Kritik ertragen. Lernen kann man mit den üblichen Fotobüchern, vor allem aber aus zwei Quellen, die oft unterschätzt werden: das Wissen der alten Meister, nämlich die der Malerei aus hunderten von Jahren, angefangen von den Bildern und Mosaiken römischer Künstler über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit.

Wichtig ist, dass man nicht nur die Bilder anschaut oder die Geschichte und Theorie liest, sondern sich immer fragt: was genau löst ein Gefühl in mir aus, egal ob positiv oder negativ? Denn häufig zeigt erst die sachliche Analyse, die Abstraktion, die wirkliche Ursache für die Wirkung eines Bildes.

Regeln

Regeln sind zwar dazu da, gebrochen zu werden, aber erst einmal sollte man sie kennen und beherrschen, bevor man sie bricht. Leider ist es in der Fotografie nicht ganz so einfach: wer die Regeln einhält, macht trotzdem nicht automatisch gute Bilder. Denn zu viele Eigenschaften definieren das Bild: Kontrast, Licht und Schatten, das Motiv, die Geometrie, die Schärfeebenen, die Farben, die führenden Linien und noch viele Dinge mehr. Man kann ein Bild nach allen Regeln der Kunst komponieren, am Ende ist es trotzdem langweilig (jeder hat ganze Schränke / Schuhkartons / Speicher voll davon). Oder man schiesst ein Foto, das verwackelt, unscharf und schlecht belichtet ist, und es wird eine Ikone der Fotografie, einfach weil man den „richtigen“ Moment erwischt hat, das richtige Gefühl vermittelt.

Ich will mich über die einzelnen Regeln hier nicht auslassen. Einerseits sehe ich mich selber noch im Findungsprozess und habe noch kein gefestigtes Mitteilungsbedürfnis. Andererseits haben schon so viele kompetentere Fotografen als ich zu diesem Thema geschrieben, angefangen von Meistern wie Andreas Feininger oder Ansel Adams, deren Bücher mich von der Jugend an begleitet haben (wenn Ihr sie auf einem Flohmarkt findet: einfach kaufen!). Eine kleine Auswahl an Seiten im Internet als Starthilfe darf ich hier anbieten, sie ist weder abschliessend noch vollständig, aber zumindest ein Anfangspunkt:

ivent.de

fotoremo.ch

andreashurni.ch

Dabei spielt es keine Rolle, ob wir analog oder digital, schwarzweiss oder farbig fotografieren, am Ende des Prozesses steht immer ein Bild.

Die Überwindung, das Recht und der Anstand

Was aber nun fotografieren? Am Einfachsten ist es, wenn ein Anlass ansteht, den man sowieso fotografieren möchte: ein Familienfest, ein Party, ein Reise. Dann ist auch die Hemmschwelle klein, den Menschen die Kamera ins Gesicht zu halten, in der Regel freuen sie sich sogar darüber, spätestens dann, wenn sie die Bilder kriegen.

Schwieriger ist es, wenn man ohne konkretes Ziel losgeht: street photography ist ein sehr interessantes, aber auch sehr schwieriges Feld. Menschen auf der Strasse, in der Öffentlichkeit zu fotografieren kostet Überwindung. Die meisten von uns haben eine gewisse Scheu, fremden Menschen die Kamera ins Gesicht zu halten und abzudrücken. Zumal das in Zeiten sozialer Medien, des Persönlichkeits- und Datenschutzes auch immer mehr Menschen schlicht nicht zulassen.

Und das muss man in jedem Fall ernst nehmen. Nicht nur aus Respekt vor den Personen, die wir auf den Film bannen, sondern auch aus rein rechtlichen Gründen und natürlich aus Anstand. Es ist nicht jedem gegeben, aber eine freundliche Kommunikation ist in vielen Fällen der beste Weg zum Bild: der Strassenverkäufer, der Spaziergänger mit seinen Hunden, die Blumenfrau, viele Menschen haben meistens kein Problem damit, fotografiert zu werden, wenn sie höflich gefragt werden. Und wer das nicht will, auch wenn er sich unserer Ansicht nach nur „anstellt“, den sollte man auch in Ruhe lassen.

Ein in meinen Augen absolutes No-Go ist das Teleobjektiv: einzelne Personen ohne ihr Wissen unbemerkt aus weiter Ferne zu fotografieren ist zwar technisch gesehen einfach, aber es verletzt alle Regeln des Anstandes und, wenn das Bild in irgendeiner Form öffentlich gemacht wird, auch das Recht am eigenen Bild sowie den Schutz der Persönlichkeit. Wenn man ein Bild so macht (denn vor allem kurze Teleobjektive von 70 bis 135 mm sind für Portraits gut einsetzbar), weil es der Moment erfordert, dann sollte man zumindest nachträglich das Einverständnis des Fotografierten einholen.

Formell müssen wir wohl bei Bildern einzelner fremder Menschen deren schriftliches Einverständnis einholen, das dürfte aber in erster Linie Fotografen betreffen, die Bilder kommerziell auswerten. Als Hobby-Fotograf wäre der Formalismus schön und sicher, aber in der Praxis kaum einzuhalten. Zumal dann, wenn die Bilder nur im eigenen Album oder Fotobuch landen und nicht über öffentliche Plattformen verbreitet werden.

Auch bei Bildern für Fotowettbewerbe sollte man vorsichtig sein, wenn eine Person den Kern des Bildes ausmacht. Mit einer formellen Zustimmung der abgebildeten Person sind wir dann auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Und etwas kommt noch dazu, was im Moment nur sehr schwer absehbar ist: in der EU gilt seit dem 25. Mai 2018 das neue Datenschutzgesetz. Rein theoretisch bedeutet das selbst für einen Hobby-Fotografen, dass er sogar bei einem Urlaubsbild des Peterdoms jeden einzelnen der sich im Bild befindlichen Menschen schriftlich über seine Rechte am Bild aufklären und ihr Einverständnis per Unterschrift einholen müsste. Dass der Unsinn in der Praxis nicht durchführbar ist, scheint jedem halbwegs denkenden Menschen klar und logisch, vor allem Anwälte, die von Abmahnungen leben, denken aber nicht klar und logisch, da herrscht schlicht die Habgier, sie wollen einfach nur an unser Geld.

Es ist also jeder Hobby- und Berufsfotograf gut beraten, sich in Sachen Datenschutzgesetz schlau zu machen und vor allem in dem Fall, dass man einzelne Personen fotografiert, tatsächlich auch nachträglich noch das Einverständnis einholt. Was das für eine Auswirkung auf die historisch so wertvolle Fotografie des täglichen Lebens hat, wird von den Datenschützern und Juristen wohl nicht bedacht: man stelle sich vor, Zeitzeugen wie Vivian Maier hätten keine Menschen fotografiert, um diesem rechtlichen und regelungspolitischem Irrsin aus dem Weg gehen zu können: unsere Welt wäre um einiges ärmer, die Möglichkeiten, Einblick in die Welt unserer Vorfahren zu nehmen, einiges geringer.

So sehr Datenschutz angesichts der Möglichkeiten von Missbrauch (leider) notwendig ist, so wenig berücksichtigt die derzeitige Rechtsprechung in meinen Augen, dass es nicht nur Facebook und Instagram gibt, sondern dass Fotografie auch einen historischen Aspekt hat, einen Wert für eine Nachwelt, die ein Recht auf die Überlieferung aus unserer Zeit hat, ohne dass jedes Bild, jede Notiz erst einer rechtlichen Abklärung und Genehmigung bedarf. Zumindest dann nicht, wenn sie nicht kommerziell ausgewertet oder medial verbreitet wird.

Der Vergleich und die Kritik

Gezieltes Lernen bedarf meiner Meinung nach immer des Vergleiches: wo stehe ich, wo bin ich gut, wo habe ich noch einen weiten Weg vor mir? Kritik tut weh, vor allem, wenn man sich ihr freiwillig stellt, aber sie ist notwendig. Wir selber sind nicht objektiv, können es nicht sein, und wenn Bilder nicht nur für unser persönliches Tagebuch entstehen, das nie jemand anschauen wird, und wenn wir lernen wollen, dann müssen wir sie durch Dritte beurteilen lassen.

Das Weg dahin führt entweder „analog“ über den Fotoclub, sofern man einen in der Umgebung hat und mit den Menschen darin klar kommt, oder über eine der vielen Internet-Plattformen.

„Analog“ ist natürlich optimal: das direkte Gespräch, die Kenntnis der Person, die urteilt, das alles ist der direkteste Weg zu einer qualifizierten Rückmeldung. Vor allem geht es ja auch darum, ob Bilder nicht nur dem prüfenden Blick anderer Fotografen (und damit in gewisser Weise voreingenommenen „Fachidioten“) standhalten, sondern auch dem des anderweitig interessierten oder bewanderten Betrachters, der vielleicht nicht an der Blendeneinstellung herummäkeln kann, dafür aber eine wertvolle Rückmeldung zum Gesamteindruck geben kann, den das Bild vermittelt.

Auf Internet-Plattformen ist Kritik ein schwieriges Thema: man kennt sich meist nur über den Bildschirm, hat keine Ahnung von den jeweiligen Randbedingungen, und so kann Kritik oft auch verletzend wirken. In vielen Foren ist die Veröffentlichung von Bildern und die Kritik daran daher auch strikt getrennt: Wer einfach nur schöne Bilder zeigen möchte, der kann das in den Themen-Foren tun, wo er allenfalls lobende Worte, aber keine Kritik erhält. Dagegen geht es in den Foren, die ausdrücklich Kritik wünschen, dann auch schon einmal haariger zu: das muss man aushalten können.

So, nun wünsche ich viel Spass beim Üben, Lernen und Kritisiert werden, bestellt neuen Film und geht raus!

(Alle Bilder hier sind mit der Rolleiflex auf Kodak Portra entstanden, gescannt mit dem Epson V700)