Analog? Teil 2: Technisches

Nachdem der erste Teil zur analogen Fotografie eigentlich nur die Gefühlswelt und den Antrieb des Fotografen zum Thema hatte, mache ich nun meine Drohung wahr und schreibe etwas Konkreteres, nämlich zur Ausrüstung.

Rolleiflex

Wenn man sich in den diversen Fotogeschäften des Internets und der realen Welt umschaut, dann ist analoge Technik praktisch vollständig verschwunden. Natürlich gibt es jetzt jede Menge Lomos und die diversen Sofortbild-Kameras, aber „richtige“ Kameras, Präzisisionsinstrumente, wie sie Berufsfotografen benötigen, die sind tatsächlich rahr geworden. Einzig Nikon hat noch die F6 im Angebot, wobei ich nie sicher bin, ob sie tatsächlich immer wieder mal noch produziert wird, oder ob es sich nur noch um Lagerbestände handelt. Canon hat überhaupt nichts Analoges mehr im Programm, Minolta gibt es nicht mehr, von Contax und Yashica oder wie sie alle hiessen gar nicht zu reden. Ausgerechnet in Deutschland kann eine Firma nicht aufhören, analoge Kameras zu produzieren, denen bleibt aber auch kaum etwas anderes übrig, schliesslich haben sie das Format erfunden: Leica hat gleich mehrere Modelle im Programm, die M7 (die jetzt, also Mitte 2018, auch offiziell eingestellt wurde, aber es gibt noch neue Lagerbestände), die MP und die M-A. Alle zusammen setzen ein gut gefülltes Konto voraus, man bekommt für sein Geld aber auch ein Kunstwerk mechanischer Produktion aus deutschen Landen.

Ich vermute mal, dass der grössere Teil der Menschen, die dies hier lesen, andere finanzielle Prioritäten hat (wenn ich auch Leica viele Kunden und ein langes Leben wünsche). Denen bleibt nur der Gebrauchtmarkt, wobei „nur“ eigentlich der falsche Begriff ist: für Freunde analoger Technik herrschen paradiesische Zustände, ein wahres Schlaraffenland, wo Milch und Honig fliessen und dem Fotografe gebratene Tauben, bzw. analoge Kameras, in fast beliebigen Mengen nur so zufliegen.

Hasselblad

Der Grund dafür liegt nach wie vor natürlich in der digitalen Revolution der Fotografie. Ähnlich wie in der Musik, wo Langspielplatten doch wieder teurer und gefragter werden, ist zwar auch in der Fotografie ein steigendes Interesse an „alter“ Technik feststellbar, die Menge an verfübarem Material übersteigt jedoch immer noch den tatsächlichen Bedarf bei Weitem, so dass die Preise zumindest zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichtes noch sehr tief sind.

Dadurch, dass es keinen Nachschub gibt, d.h. (fast) keine Firmen, die neue Kameras produzieren, nimmt über die Zeit jedoch nicht nur das Angebot ab, auch die Qualität wird prekärer: was es z.B. um 2007 herum noch einfach, eine originalverpackte, nagelneue Nikon F3, FM2n oder F100 für relativ wenig Geld zu finden, so sind die meisten Angebote nur 10 Jahre später in der Regel stark gebraucht, haben mehrere Besitzer hinter sich und bedürfen einer ausführlichen Kontrolle auf fehlende Kleinteile (Abdeckkappen vor allem) sowie mechanische Beschädigungen. Wirklich neue Kameras und Objektive, originalverpackt und unbenutzt, sind kaum noch zu finden, und wenn, dann nur noch für relativ viel Geld.

Wer heute eine Kamera sucht, die wirklich eingesetzt werden soll, der sollte (neben den persönlichen Vorlieben) auf die folgenden Punkte achten:

Dichtungen

Jede Kamera besitzt Dichtungen. Manche intelligenter (Labyrinth-Dichtungen aus Kunststoff oder Metall, aufwändig, aber beständig), manche einfacher (Schaumstoff, der mit der Zeit zerbröselt und ersetzt werden muss). Für die meisten Kameras gibt es Dichtungssets, sie sind einfach selbst zu ersetzen mit etwas Geschick, alternativ kann man die Kamera auch von einer der spezialisierten Werkstätten revidieren lassen, was dann natürlich nicht ganz billig ist. Zu den einzelnen Typen lassen sich die notwendigen Informationen einfach Googlen, viele Nutzer haben ihre Erfahrung mit einem Dichtungstausch ins Internet gestellt.

Fallschäden

Fallschäden sind immer kritisch: es ist wie das verzogene Chassis eines PKW, im Grunde fährt das Auto, aber es ist weder sicher noch zuverlässig. Bei der Kamera ist es schlimmer: Fallschäden können zu Licht-Lecks führen, d.h. die Film-Ebene wäre nicht mehr lichtdicht. Wenn ein Gehäuse „schief“ zu sein scheint oder tiefe Dellen an den Ecken auf einen Sturz hinweisen, dann sollte man die Finger vom Gehäuse lassen, egal wie günstig es ist. Das ist vor allem bei grossvolumigen Gehäusen kritisch wie den Mittelfomat-Kameras, kompakte Spiegelreflex- oder Sucherkamera sind da etwas weniger empfindlich. Allerdings können bei ihnen innere, nicht sofort erkennbare Schäden auftreten, wie eine Verschiebung des Prismas (bei Spiegelreflexkameras) oder des Suchermechanismus (bei Messucherkameras), was in der Regel zu teuren Reparaturen führt.

Verschluss

Harzende Verschlüsse sind vor allem bei älteren Kameras ein Problem. Am besten löst man die Kamera mit einer kurzen und einer langen Zeit aus: ist die kurze Zeit wirklich kurz, d.h. ohne Nachlauf-Geräusche? Ist die Sekunde wirklich eine Sekunde, oder deren 2 oder mehr? Harzende Verschlüsse sind kein Ausschluss-Grund, es wird aber auf jeden Fall eine Revision fällig, die ins Geld gehen kann.

Aufpassen muss man bei Veschlüssen, die im Objektiv integriert sind, wie z.B. bei der Hasselblad V-Serie oder den diversen Mamyia Mittelformatkameras. Für die älteren Modelle gibt es teilweise schon keine Ersatzteile mehr, ein defekter Verschluss kann hier dazu führen, dass ein Objektiv zum Briefbeschwerer wird. In diesem Bereich kann es also sinnvoll sein, auch für ein älteres Gehäuse Objektive neueren Datums zu erwerben. Und wie in den anderen Punkten auch ist bei der Betrachtung eines spezifischen Modells immer auch die Google-Suche ein wichtiges Hilfsmittel, um spezifische Schwachstellen, gute Reparaturbetriebe oder andere persönliche Erfahrungen über das Objekt der Begierde in Erfahrung zu bringen.

Sucher

Der Sucher einer Spiegelreflexkamera ist in der Regel kein grösseres Problem: er kann verschmutzt sein, das spielt für das Ergebnis keine Rolle, es stört höchstens. Er kann aber auch ein verschobenes Prisma haben, wie oben beschrieben, was dazu führt, dass die Schärfeebene des Suchers und die des Films nicht mehr übereinstimmen. Dem ist nur mit einer Reparatur abzuhelfen, sonst gibt das durchgehend unscharfe Bilder. Herausfinden lässt sich das allerdings nur, wenn man einen Film belichtet, möglichst mit offener Blende und knapper Schärfentiefe.

Kritischer ist der Sucher der Messucher-Kameras wie der Leica: das relativ empfindliche System kann schon durch einen Schlag aus dem Lot gebracht werden. Dafür lässt es sich aber einfacher wieder justieren: es bedarf zwar eines Reparatur-Aufenthaltes, dafür ist die Einstellung aber auch einfacher zu machen als eine Prismenkorrektur bei der Spiegelreflex (beides habe ich schon erlebt). Beim Kauf einer älteren Leica würde ich eine Revision sowieso von Anfang an mit einrechnen, anschliessend kann man sich viele Jahre auf eine wunderbar funktionierende Kamera verlassen.

Weitere Kamera-Details

Wenn man Kameras nicht gerade sammelt, dann sind optische Details wie abfallende Belederungen, fehlende Abdeckkappen oder generelle Abnutzungsspuren allenfalls eine Geschmacksfrage. Auch die Frage, ob der Selbstauslöser noch funktionieren muss, muss jeder für sich entscheiden. Ich kenne Fotografen, die selbst den Belichtungsmesser nicht benötigen, weil sie mit dem Handbelichtungsmesser arbeiten, für ein gutes Bild braucht es das alles jedenfalls nicht. Die älteren Rolleiflex-Modelle sind häufige Kandidaten dieses Problems, ihr Selen-getriebener, batterieloser Belichtungsmesser funktioniert in der Regel nicht mehr, und wenn, dann höchst unzuverlässig. Was aber auf die Bildqualität nicht die geringste Auswirkung hat, abgesehen davon, dass ein kleiner Handbelichtungsmesser sowieso genauer und flexibler misst.

Zusammenfassend kann man sagen, wenn die Kamera lichtdicht ist, die Belichtungszeiten stimmen und die Schärfe korrekt eingestellt werden kann, dann steht einer erfolgreichen Laufbahn für die analoge Fotografie nichts im Weg. Man kann es schöner oder weniger schön haben, bequemer oder weniger bequem, ein gutes Bild wird jetzt nur noch von der Fähigkeit des Fotografen, vom Licht und der Qualität des Objektives abhängen.

Objektiv

Womit wir beim letzten zu prüfenden Punkt angelangt wären. Das Objektiv kennt vor allem drei kritische Punkte: Pilz, hängende Blenden und Verzug.

Pilz ist meist tötlich: hat er sich im Objektiv ausgebreitet, dann ist es nur bei sehr wertvollen und teuren Objektiven überhaupt lohnend, sie reinigen zu lassen. Der Pilz bildet ein feines, oft gar nicht mal auf den ersten Blick sichtbares Netz auf den Glasoberflächen, das nach und nach die Qualität des Objektives verschlechtert. Ein Objektiv mit Pilz sollte man am besten entsorgen, vor allem aber nicht mit anderen, noch sauberen Objektiven gemeinsam lagern, da der Pilz sonst auch auf diese überspringt, wenn die Umgebungsbedingungen günstig sind (feuchter Keller, zu wenig belüfteter Schrank etc.).

Hängende Blenden, meist verursacht durch Öl auf den Blendenlamellen, ist ebenfalls kritisch: mit ganz offener Blende könnte man weiterhin fotografieren, je mehr man die Blende schliessen möchte, desto weniger funktioniert das jedoch, da die Lamellen wegen des klebrigen Öls nicht mehr schnell genug öffnen und schliessen, oder am Ende sogar ganz in irgendeiner Position hängen bleiben. Hier ist eine Reinigung problemlos möglich, ob es sich lohnt, hängt vom Objektiv ab und von den Kosten, die zu investieren man bereit ist.

Zuletzt noch zum Verzug: vor allem nach Schlägen oder einem Fall kann ein Objektiv optisch noch weitgehend brauchbar aussehen, eine leichte Verschiebung einer oder mehrere Linsen oder des Tubus führen dann oft jedoch zu Folgefehler: von der nicht oder schwergängigen Scharfstellung oder Zoomen bis hin zu „schiefen“ Schärfe-Ebenen, leichte Schläge auf den Hinterkopf sind keine gute Sache für das wichtigste Element der Kamera.

Die oben genannten Punkte sind daher die Wichtigsten, die man beim Kauf einer gebrauchten Kamera so weit wie möglich abklopfen sollte, bzw. die man sich ausdrücklich vom Verkäufer zusichern lassen und ggf. einen möglichen Umtausch / eine Rücknahme vereinbaren sollte.

Der Beginn

Ist die neue alte Kamera schliesslich gekauft, eingetroffen und ausgepackt, bitte bitte NICHT einfach drauf losfotografieren, womöglich noch ohne Film und, wo nötig, Batterie in der Kamera. Denn viele Kameras haben spezielle Eigenschaften, die entweder der Konstruktion oder vorsätzlichen Sicherheitsvorkehrungen für den Fotografen geschuldet sind.

Die Nikon F3 haben schon viele Leute für defekt gehalten, weil der Belichtungsmesser trotz frischer Batterie nicht zu funktionieren schien. Tut er aber: der Belichtungsmesser wird bei der F3 nämlich erst aktiv, wenn ein Film eingelegt UND auf das erste Bild vorgespult wurde!

Oder viele Mittelformatkameras, vor allem die Hasselblad 500er-Serie oder auch Mamyias RB, die diverse Sperren sowohl beim Verschluss, Auslöser und Filmvorschub haben, mit denen verhindert werden soll, dass der Fotograf glaubt Bilder zu machen, wenn gar kein Film im Filmrückteil eingelegt wurde. Versucht man nun, den einen oder andere Hebel mit etwas mehr Kraft  betätigen zu müssen, dann hat das immer wieder unnötige Schäden an der Kamera zur Folge. Und wenn man Pech hat, dann kauft man auf ebay genauso ein Gerät, das irgendein Mensch aus Unwissenheit selber beschädigt hat und nun versucht, es als neuwertig wieder loszuwerden.

Viele analoge Kameras, vor allem die für professionelle Nutzer konzipierten, sind definitiv NICHT plug & play, wie es die Computer-Generation mittlerweile gewöhnt ist. Die Lektüre des Handbuches und vieler Erfahrungsberichte am Internet ist nicht nur sinnvoll, sondern oft zwingend erforderlich, will man nicht riskieren, das kostbare Stück schon vor dem ersten Film zu beschädigen.

Auf die einzelnen Kameras gehe ich hier nicht ein, dafür gibt es Bedienungsanleitungen (jede Menge davon im Web, falls die Kamera selber ohne kommt).

Zubehör

Neben der Kamera gibt es einige Dinge, die man je nach Modell benötigt.

Batterien

Klingt logisch, ist es aber nicht: einerseits gibt es eine ganze Reihe Kameras, vor allem im Mittel- und Grossformat, die sowieso keine Batterie brauchen. Dann gibt es die halbwegs aktuellen, die halbwegs aktuelle Batterien benötigen, die man im Elektromarkt problemlos bekommt. Aber es gibt auch die Speziellen, meist Kameras älteren Datums, die dazumal mit Quecksilberbatterien gefüttert werden wollten. Denn die sind heute verboten und nicht mehr erhältlich. Beispiele hierfür sind ältere Minox-Modelle, aber auch von Nikon gibt es bei den manuellen Kameras solche Kandidaten.

Für fast alle Kameras gibt es jedoch Alternativen: teilweise mit den korrekten Abmessungen, aber falscher Volt-Zahl,  z.B. 1.3 statt 1.5 V, was nichts weiter bewirkt, als dass der Belichtungswert abweicht. Das lässt sich mit einem Vergleich mit einem korrekt funktionierenden Belichtungsmesser leicht prüfen und als festen Differenzwert (z.B. über eine Verschiebung der ISO-Filmempfindlichkeit) korrigieren.

Für die Minox gibt es einen speziellen Batterie-Einsatz, der statt der originalen, nicht mehr erhältlichen Batterie mehrere Knopfzellen aufnimmt, die dazu noch zu einer korrekten Messung führen.

Wie gesagt: man sollte die zu erwerbende Kamera in jedem Fall vorab ausführlich googeln. Das verhindert Frust, hilft, die ggf. notwendigen Zusatzteile rechtzeitig zu suchen und zu finden und die Eigenheiten der Bedienung kennen zu lernen, so dass der Start in das analoge Abenteuer von Freude, nicht von Frust begleitet wird.

Belichtungsmesser

Viele analoge Kameras haben überhaupt keinen, andere haben einen defekten (vor allem ältere Rolleiflexe mit dem batterielosen Selen-Belichtungsmesser sind häufig nicht mehr funktionsfähig oder zumindest nicht mehr brauchbar funktionsfähig). Es ist zwar nett, wenn man das Teil direkt in der Kamera integriert nutzen kann, aber wirklich notwendig ist das nicht: egal ob ein anständiger Handbelichtungsmesser, oder zum Start erst einmal die App auf dem Smartphone, alles funktioniert.

Wer einen speziellen Handbelichtungsmesser in Betracht zieht, der sollte darauf achten, dass nicht nur die Objekt-, sondern auch die Lichtmessung möglich ist. Wenn man schon den Aufwand eines separaten Belichtungsmessers betreibt, dann mit allen Schikanen.

Film

Wenn Kamera, ggf. Belichtungsmesser und die evtl. notwendigen Batterien vollständig, funktionsfähig und korrekt eingestellt auf ihren Einsatz warten, dann fehlt nur noch eines: der Film. Zu diesem Thema habe ich vor langer Zeit einmal einen eigenen Artikel verfasst, der hier zu finden ist, ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass er mal wieder überarbeitet werden müsste. Aber als ersten Anhaltspunkt sollte er noch taugen.

Und los!

Jetzt also Film rein, anziehen und raus! Die schönste Kamera führt ein relativ sinnloses Dasein, wenn sie nur in der Vitrine oder der Fototasche ihr Leben fristet. Viel Freude damit, und wenn Ihr mit den belichteten Filmen wiederkommt, dann schickt Ihr sie entweder ein, oder, falls es schwarzweiss-Filme sind, wartet auf den übernächsten Artikel hier auf www.holger.ch, der sich genau mit der Entwicklung befasst.

Und nun viel Spass beim analogen Fotografieren!