Analog? Teil 1: Philosophisches

Dies ist zur Abwechslung mal kein wirklich technischer Artikel, eher eine  fast schon philosophische Betrachtung der Mittel, die wir als Fotografen einsetzen. „Echte“ Philosophen, die existentielle Probleme wälzen (woher kommen wir, wohin gehen wir, das Huhn und das Ei etc.) und die Frage, ob Silberhalogenide oder Silizium das optimale Medium zur Bildaufzeichnung seien, für wenig zielführend halten, mögen mir diesen Begriff hier verzeihen. Ich bin halt nur ein mittelmässig begabter Fotograf, und in diesem Metier sind das eben die Fragen, die man sich so stellt.

Zumindest dann, wenn Kodak die Wiederauferstehung des Ektar ankündigt, oder auch in dem Moment, wenn man vor seinem Regal mit den wunderschönen analogen Kameras steht und sich fragt, ob sie hier sinnvoll verstauben sollten, oder ob man nicht die eine oder andere Gerätschaft gegen ein modernes Gadget tauschen könnte, ebay sein Dank.

Ich selber habe über viele Jahre, oder zumindest seit 1999, seit ich ebay für mich entdeckt habe, sehr viel gekauft, ausprobiert, wieder verkauft und dafür Neues erworben. Das dann auch früher oder später wieder diesen Weg gegangen ist.

Einerseits hat mir diese Handelsplattform überhaupt ein umfangreiches Testen und Ausprobieren vieler Kameras, Objektive und weiterer Dinge ermöglicht, was ich mir neu im Laden nie hätte leisten können. Andererseits habe ich rückblickend auch vieles leichtfertig gegen vermeintlich neueres und schöneres getauscht, von dem ich heute froh wäre, es damals behalten zu haben: eine Leica M6 TTL, meine erste Nikon F3, meine erste digitale DSLR überhaupt, die Nikon D70. Dazu einige Objektive, von denen ich eigentlich wusste, dass sie selten, hervorragend und später einmal gefragt sein würden. Die Gier nach Neuem war stärker, zumindest bis vor wenigen Jahren.

Irgendwann, es muss etwa 2014 gewesen sein, beschloss ich, alte Kameras und Objektive einfach zu behalten. Die Preise waren so tief gesunken, dass sich der Verkauf nicht mehr lohnte, zudem wusste ich genau, dass ich immer wieder einmal eines dieser schönen alten Geräte nehmen würde, und wenn auch nur, um festzustellen, wieviel einfacher moderne digitale Fotografie doch ist. Es ist wie früher beim Besuch der Grosseltern: wenn wir Kinder auf dem Dachboden altes Werkzeug, verstaubte Spielsachen und Bücher in kaum lesbarer Schrift fanden, dann war das nicht nur abenteuerlich, es brachte uns auch eine andere, eine längst vergangene Zeit zurück, die wir zwar nicht erlebt hatten, aber so doch nachfühlen konnten. Besser zumindest, als es trockener Geschichtsunterricht in der Schule vermochte.

Und so überkommt mich bei aller digitaler Technik, immer neuen Sensoren und Megapixeln doch regelmässig der Wunsch nach einer Dose oder Spule Film, oder gar nach einem einzigen Negativ. Mit allen Einschränkungen: kaum Spielraum in der Empfindlichkeit, nur 36, 12 oder gar 1 Bild (Kleinbild / Rollfilm / Grossformtat 4×5), keine sofortige Rückmeldung, und so weiter und so fort.

Trotzdem hat Film etwas bestechendes: ob es das Materielle ist, der Duft der Filmdose, wenn sie aus der Verpackung kommt, die Einmaligkeit (gegenüber einer gewissen Beliebigkeit bei der digitalen Fotografie, mit ihren schier unendlichen Wiederholbarkeiten, schnellen Bildfolgen, sofortigem Ergebnis, unendlich wiederholbarer, nicht-destruktiver Bearbeitung), das indirekte, weil nicht sofort kontrollierbare Arbeiten… ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass ich trotz aller Mühsal immer wieder einmal einen Film aus dem Keller hole, um dann, je nach Kamera, teilweise sogar mit dem Handbelichtungsmesser einen Tag in den Bergen oder in der Stadt zu verbringen. Allerdings auch, um anschliessend bei der langen und aufwändigen Bearbeitung zu fluchen wie ein Rohrspatz ob der Überlegung, wie man die Bilder im Grunde auch mit einer digitalen Kamera hätte machen können…

Warum?

Wie gesagt, warum ich mir das hin und wieder antue, kann ich nicht genau sagen. Es gibt natürlich die irrationale Ebene, die sicherlich mit meinem Alter zu tun hat (insofern, als ich mit Film aufgewachsen bin). Aber auch junge Menschen interessieren sich für Film, und ich denke, dass viel dabei mit der manuellen Arbeit, mit dem direkteren Einfluss auf die Entstehung des Bilder zu tun hat. Aber auch mit dem Bild selber, dem die computergestützte Perfektion fehlt, das viel stärker die Auswirkung des Materiellen und seiner eben analogen Toleranzen zeigt.

Es gibt aber auch durchaus noch sachliche Vorteile, die für Film sprechen. Die bekannten sind natürlich vor allem die (vor allem bei klassischem Schwarzweissfilm) hohe Haltbarkeit, wenn das Material richtig gelagert wird, und die Tatsache, dass die Bilder auch ohne einen Computer betrachtet werden können, das Negativ also selbst in seiner „RAW“-Form als Bild erkennbar ist. Natürlich steht der Haltbarkeit die Tatsache gegenüber, dass man keine gleichwertigen Backups machen kann: natürlich lässt sich jedes Negativ scannen, aber dann bin ich wieder bei den Nachteilen der digitalen Speicherung: keine Betrachtung ohne Computer, Verlustmöglichkeit durch Festplattenschäden etc..

Ein weiterer Vorteil liegt genau in der analogen Aufzeichnung der Daten: es gibt nicht nur 0 und 1, nicht nur aus dem Bayer- oder Fuji-X-Raster interpolierte Farbdaten, sondern eine schier unendliche Anzahl an Farben, Tönen und Helligkeiten, einfach nur weil Analog eben analog ist und daher stufenlos Werte annehmen kann. Und Film stellt Licht nicht einfach linear dar: die unterschiedlichen Filme sind auf die verschiedenen Wellenlängen, also Farben, nicht gleichmässig empfindlich. Genau diese Eigenschaften sorgen auch für das, was man den „analogen“ Look mancher Bilder nennt, und auch für die individuellen Eigenschaften einzelner Filme. Und diese Eigenschaften bleiben selbst dann weitgehend erhalten, wenn wir nicht analog vergrössern (können), sondern Scannen. Zudem auch dann das Negativ oder Dia als Grundlage erhalten bleibt, bei den wirklich schönen Exemplaren lässt sich jederzeit auch ein analoger Abzug erstellen.

Format

Die meisten Zweifel an der analogen Fotografie kommen mir, wenn ich mit meinen Kleinbildkameras arbeite: Nikon F3 und FM2n, oder Leica M3. Was bei der DSLR schon ein grosses Format ist („Vollformat“) ist, das ist im analogen Bereich die Einstiegsgrösse.

Nicht umsonst waren Mittel- (6×4.5, 6×6, 6×7 und 6×9) und Grossformat (9×12 und 13x18cm, 4×5″, 8×10″ und grösser) die klassischen Formate der Berufsfotografen. Kleinbild kam überall zum Einsatz, wo es schnell gehen  musste (Reportagen, Medien, Sport), oder wo es günstig sein musste. Dass das kleine Negativ nur begrenzte Reserven zur Vergrösserung und zum Beschnitt hat, spielt in diesen Bereichen keine Rolle. Wer höchste Bildqualität oder sehr grosse Vergrösserungen brauchte, der nutzte sowieso grössere Formate.

Spätestens beim Scannen holt einen das relativ kleine Format wieder ein: für wirklich gute Scans benötigt man einen reinen Negativ-Scanner, die Auflösung sollte effektiv mindestens 4000 ppi betragen, um saubere Ausdrucke in den Formaten A4 oder A5 zu erhalten. Wie schon in vergangenen Zeiten ist das jedoch auch das grösste Handicap des 35mm-Films: egal ob hochauflösender Scan oder starke analoge Vergrösserung, damit wird nicht nur das Bild, sondern  auch jede Unschärfe, jedes Staub- und Filmkorn enorm vergrössert. Für die Betrachtung am Bildschirm oder den Ausdruck im Fotobuch ist die Qualität aus Kleinbild-Negativen trotzdem vollkommen ausreichend, sofern man sauber arbeitet und vor allem in Sachen Staub ggf. etwas Nacharbeit investiert.

Im Mittelformat, egal ob „klein“ als 6×4.5, quadratisch mit 6×6 oder „klassisch“ bis 6×9, muss dasselbe Bild etwa 3-5 mal weniger vergrössert werden. Korn, Unschärfen, Kratzer und Staub fallen also bei sonst identischem Bildinhalt 3-5 mal kleiner aus, gleichzeitig liefert das Negativ eine ebenso vielfache Bildinformation. Entsprechend genügen für eine vergleichbare Vergrösserung beim Scannen nur noch 1200 bis 2000 ppi, Werte, die ein guter Flachbettscanner problemlos erreicht. Vor allem dann, wenn er über eine gute Durchlichteinheit verfügt oder man sogar „nass“ scannen kann.

Das Grossformat ist dann natürlich das Nonplusultra in Sachen Bildqualität, aber auch in Sachen Flexibilität bei der Aufnahme: die enormen Verstellmöglichkeiten der Fachkamera, das riesige Negativ, das häufig nicht einmal eine Vergrösserung benötigt, sondern schon als reiner Kontaktabzug verwendet werden kann, das alles eröffnet Möglichkeiten, wie sie selbst mit der teuersten digitalen Ausrüstung nicht zu haben sind. Mit dem Nachteil, das ist auch klar, der umfangreichen Ausrüstung, der langwierigen Vorbereitung, der umständlichen Bedienung, und der vielen Fehler, die man zwangsläufig machen kann.

Trotzdem: egal ob Kleinbild, Mittel- oder Grossformat, die Schwierigkeiten und Einschränkungen bei Aufnahme, Entwicklung und Scan oder Vergrösserung sind oft auch eine Bereicherung. Man kann nicht einfach auf komplexe Software zurückgreifen (die selber zu schreiben man gar nicht in der Lage wäre), sondern muss sein eigenes Wissen, seine eigene Erfahrung mühsam aufbauen. Fehler und Wiederholungen kosten nicht nur Zeit, sondern auch Geld, nicht 100 Schnellschuss-Bilder, sondern wenige bewusste Aufnahmen sind das Ziel der Arbeit.

Kunst

Dazu kommt ein anderer Aspekt: war zu analoger Zeit für die perfekte Aufnahme auch die technische Perfektion ein Kriterium, so wird dieser Teil heute weitgehend digital abgedeckt. Will ich eine absolut scharfe Landschaftsaufnahme, wo man jedes Blatt, jeden Grashalm in möglichst natürlichen Farben (oder sogar schöner als in Wirklichkeit) deutlich erkennen kann? Dann greife ich kaum zur Nikon F3, sondern eher zum iPhone: technisch einfach unschlagbar, Bilder, perfekter als die Realität, mit einer Schärfe, die analog kaum zu toppen ist.

Aber: ist technische Perfektion ausserhalb von Vermessungs- und Dokumentationsbildern überhaupt noch das oberste Ziel der Fotografie? Oder war es das jemals?

Zum Vergleich sollte man sich einmal die Bildikonen anschauen, die Fotos, die sich Menschen an die Wand hängen, die Museen füllen, die im kollektiven Gedächtnis als Kunst, nicht nur als reine Dokumentation eingegangen sind. Dazu gehören Bilder von Ansel Adams genauso wie von August Sander, von Bildjournalisten wie von Landschafts- und  Gesellschaftsfotografen.

Natürlich war Ansel Adams einer der „Götter“ technischer Perfektion: mit grossen Formaten, perfekter Belichtung, dem Zonensystem, Entwicklung und Vergrösserung seiner Bilder war er das vollkommene Gegenteil heutige Lomografen oder Polaroid-Schützen. Nur: seine Bilder sind nicht wegen technischer Perfektion berühmt geworden, sondern wegen ihrer Komposition. Noch mehr gilt das für  die damaligen Kleinbild-Fotografen: schwarzweiss, Korn, teilweise gravierende Unschärfen, aber trotzdem sind Bilder entstanden, die eben nicht Kitsch-Poster, Wandtapeten oder technisch perfekte Langeweile darstellen, sondern teils geschichtliche, teils einfach künstlerische Ikonen.

Mühsal

Analoge Fotografie ist schwierig. Zumindest empfinde ich das so. Sie ist langsam, das Material ist anspruchsvoll, meistens sehen die Bilder ganz anders aus, als wir sie uns im Moment der Aufnahme vorgestellt haben (und kontrollieren können wir das dann ja auch nicht sofort).

Genau das ist es aber auch, was einen „Sehen“ lehrt: das Vorstellungsvermögen, wie eine Komposition, ein Farbverlauf, ein Schattenwurf, sogar farblos in schwarzweiss, auf dem Papier, als Bild an der Wand wirkt, ohne dass man einfach mal ausprobieren kann, womöglich sogar schwarzweiss direkt im Sucher. Denn genau das kann ich nicht, wenn ich Gelegenheiten nutzen will, Schnappschüsse nicht nur schnell, sondern auch ausdrucksvoll gestalten möchte. Und das nicht nur analog, sondern auch digital.

Es ist also nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit oder der technischen Perfektion: die Mühen analoger Fotografie lehren nicht nur technisches Verständnis für die Zusammenhänge von Licht, Blende, Zeiten und Brennweiten, sie lehren auch Sehen. Und damit kommt einem das Wissen, die Erfahrung nicht nur bei der Arbeit mit der analogen Fotografie zu Gute, sondern ganz allgemein auch dann, wenn man wieder zur DSLR oder digitalen spiegellosen Systemkamera greift. Oder gar zum Smartphone.

Gründe genug also, sich des Themas wieder einmal anzunehmen, einen Film aus dem Keller zu holen oder zu bestellen, und den teilweise sehr frustrierenden und anstrengenden Weg des analogen Films zu gehen. Aber genau das kann ich absolut empfehlen, denn anders als die „instant satisfaction“, die direkte Belohung der Digitalkamera, ist es einerseits spannend, auf ein Ergebnis warten und dafür auch arbeiten zu müssen, andererseits befriedigend, wenn nach mühsamem und oft enttäuschendem Beginn mit der Zeit doch Ergebnisse herauskommen, die man sich selber erarbeitet hat, die nicht von irgendwelchen Programmierern über viele Automatismen auf den Bildschirm gezaubert wurden, weitgehend ohne eigenes Zutun.

Also, Schluss mit dem Gelaber, pack die Kamera, einen Film und etwas Zeit ein und geh raus, ich schreibe solange einen zweiten, etwas konkreteren Teil über die Ausrüstung, der je nach Wetter in wenigen Wochen oder Monaten hier online erscheinen wird. Bis bald!

 

P.S.: die Streifen auf den Bildern in diesem Bericht sind einer defekten Filmführung in der alten kleinen Minox zu verdanken. Natürlich stören sie, aber trotzdem sind es für mich schöne Erinnerungen. Nicht perfekte Technik sorgt vielleicht dafür, dass Bilder nicht gut genug für eine Ausstellung sind, aber darum sind sie nicht einfach nichts wert. Korn, Unschärfen, mechanische Defekte… am Ende sind es Eindrücke und Erinnerungen. Werft keine schlechten Bilder weg! Manchmal sind es die einzigen, die wir aus einer Zeit haben.