Smartphone oder Systemkamera?

Heute habe ich nach seit Langem mal wieder Zeit für die Fotografie gehabt. Einerseits natürlich draussen, wobei wolkenloser Himmel und pralle Sonne zwar schön fürs Gemüt, aber weniger schön für die Kamera sind, vor allem aber daheim, vor dem Bildschirm. Ich bin die Bilder der letzten 1-2 Jahre durchgegangen, und dabei musste ich feststellen, dass ich den grössten Teil der Bilder (ausserhalb von Auftragsarbeiten) mit dem iPhone geschossen habe. Und das nicht mehr nur, weil ich es eben dabei hatte, während die Nikon daheim im Schrank lag, sondern auch, weil die Qualität der Bilder für Fotobuch, Web und selbst A4-Druck mehr als ausreichend ist. Natürlich habe ich mir mein iPhone, das 11 Pro, dazumal speziell für die Fotografie gekauft. Aber das 11 Pro liefert immer noch nur JPGs, und entsprechend habe ich es eingesetzt: wie früher einmal die kleine Nikon Coolpix oder Canon Ixus, besser so ein Bild als gar kein Foto. Beispiele meines iPhones 11 Pro:

Malin

Winter, Forst

Eiche

Wenn ich mir alleine diese Bilder anschaue, wenn ich mir dann aber vor allem die Möglichkeiten anschaue, die das iPhone 12 Pro über ProRAW bietet, also die vollständigen Möglichkeiten der RAW-Bearbeitung in Lightroom, ohne die „Vorarbeit“ des iPhone-Prozessors zu verlieren, dann verstehe ich die Sorgen der Nikon-Geschäftsleitung:

Die Möglichkeiten und vor allem die Qualität der neuen Smartphones (von denen das iPhone ja nicht einmal die ersten Plätze bei der Kamera-Qualität belegt) ersetzen nicht mehr nur die kleinen Coolpix-Modelle und ihre Konkurrenten, sondern zunehmend auch die Mittelklasse, den Bereich D3500, D5600, Z 50 und so weiter. Natürlich nehme ich immer noch meine Z 6 oder D5600 mit, wenn ich ein Tele, Makro oder Ultra-Weitwinkel einsetzen will, oder wenn ich einfach mal wieder „echtes“ Bokeh brauche, keine Software-Unschärfe.

Nur: wer braucht das heute noch? Und vor allem: welcher fotografisch nicht ambitionierte Familienvater, der früher noch die D3500 mit dem ersten Kind gekauft hat, kann aus so einer Kamera mehr herausholen, als es ein iPhone ganz alleine hinbekommt? Klar, die Freaks, wir, die Nikonians, die, die Fotografie als ernsthaftes Hobby oder als Form der Kunst betreiben und betrachten. Aber alle anderen, der Massenmarkt?

ProRAW verschlimmert die Sache noch: mein nächster „Kamera“-Kauf wird ziemlich sicher ein iPhone 12 oder 13 Pro sein, einfach weil ich meine Bilder in Lightroom bearbeiten können will. All die, die ich unterwegs schiesse, die mir während der Arbeit, auf der Fahrt zum Kunden, bei der Runde mit den Hunden über den Weg laufen, wenn ich ganz sicher meine Nikon nicht dabei habe.

Das Traurige ist: hätte Nikon dazumal die neue Coolpix mit dem 15-50 mm Zoom und dem 1″ Sensor auf den Markt gebracht, wäre das heute meine immer-dabei-Kamera. Haben sie aber nicht. Weil sie geschlafen haben, ihren Elfenbeinturm zelebriert, falsche Prioritäten gesetzt. Oder aber die Entwicklung des Smartphones vorausgesehen haben, auch das ist natürlich denkbar.

Die Z-Serie ist auf dem richtigen Weg, davon bin ich überzeugt. Der Markt schrumpft, aber oben, da gibt es noch Luft. Mit harter Konkurrenz, ohne Zweifel, aber es ist der einzige Bereich, in dem sich noch Geld verdienen lässt. Bisher war Nikon immer spät dran, dann aber „richtig“, mit besseren Produkten, besseren Konzepten und vor allem einer besseren Durchgängigkeit als die Konkurrenz, egal ob im System oder in der Bedienung.

Ob das heute noch reicht? Als Sony vor Jahre angekündigt hat, sie wollten die Nummer 2 auf den Kamera-Markt werden, da haben die meisten von uns noch darüber gelacht. Heute sieht die Welt anders aus, nicht nur der Atemschutzmasken wegen: auch die Welt der Fotografie hat sich massiv verändert.

Käme heute noch die 1″-Coolpix mit dem 15-50mm Objektiv auf den Markt, ich würde sie mir wohl nicht mehr kaufen: mein iPhone kann mittlerweile alles, was die Coolpix könnte, vor allem aber habe ich das Smartphone immer dabei. Mehr noch, wenn ich das Ergebnis auch noch als RAW-Datei in Lightroom bearbeiten kann.

Über meine Z6 geht nichts, das ist die für mich perfekte Kamera. Nur habe ich sie meistens nicht dabei, wenn ich sie bräuchte, und wenn, dann nicht mit dem Objektiv, das ich bräuchte.

Harte Zeiten für die Foto-Industrie, und selbst als aktiver Nikonian muss ich mich an dieser Situation mitschuldig bekennen: selbst bei mir ersetzt das Smartphone zunehmend die „richtige“ Kamera, und das auch noch nicht einmal aus reiner Faulheit oder Gedankenlosigkeit, sondern gewissermassen mit Vorsatz: wenn ich schon mit dem Smartphone fotografiere, dann richtig. Und wie bei meiner Nikon macht auch hier Übung den Meister.

Was wäre die Lösung? Ein Nikon-Smartphone? Oder mehr „ernsthafte“ Fotografie? Können und sollen wir als ernsthafte Fotografen nicht die „echte“ Fotografie fördern, die, die nicht nur softwarebasiert mit viel künstlicher Intelligenz für scheinbar perfekte Bilder sorgt?

Oder ist das der unaufhaltsame Lauf der Zeit, der als positiven Nebeneffekt bestenfalls eine Rückkehr mancher Menschen zur vollkommen analogen Fotografie bewirkt, back to the roots, wie ich es auch bei mir feststellen darf?

Ist unsere Zukunft ein Smartphone in Kombination mit der alten Nikon F3 oder Rolleiflex? Oder gibt es noch Herausforderungen diesseits der beruflichen Fotografie, mit denen wir auch bei der Generation Smartphone die Begeisterung für die Systemkamera wecken können?

Ich bin gespannt.

Laufental Panorama

(kein Smartphone-Bild: echtes Panorama, Nikon Coolpix A, in Lightroom gesticht)

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