Spieglein Spieglein im Gehäuse… von Spiegeln und Monitoren in Vollformat-Kameras

Wenn man die aktuellen Meldungen im Internet liest, dann kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass die Blüte der Spiegelreflexkamera, dieses Systems, das seit rund 50 Jahren den technischen Gipfel der beruflichen und journalistischen Fotografie darstellt, nun wohl zu Ende geht: Klappe zu, Spiegel tot.

Der König ist tot, es lebe der König: Spiegellos ist der neue Spiegel, Kameras mit kleinen Bildschirmen im Sucher, die nicht nur das wiedergeben, was durch das Objektiv zu sehen ist, sondern auch gleich alles, was man eingestellt hat: ist das Bild unter- oder überbelichtet, wie sieht es in schwarz-weiss aus, an welcher Kante liegt meine Schärfeebene… ich sehe nicht nur das Bild, die kleine integrierte „Dunkelkammer“ zeigt mir auch noch (in Echtzeit!), was am Ende herauskommen wird!
Dazu kommt natürlich noch das, was dem System seinen Namen gibt: kein Spiegel! Und damit auch kein Spiegelschlag, kein Klappern in der Stille einer Zeremonie, keine ungewollte Vibration, einfach kein Garnichts! Und weil kein Spiegel auch keinen Platz braucht, schrumpfen die Kameras in der Tiefe um rund die Hälfte, werden leichter, handlicher, kleiner.

Was will man mehr? Das Paradies des Fotografen, es kommt auf Erden nieder!

Mit und ohne Spiegel, von links nach rechts: Fujifilm X100F (ohne), Panasonic Lumix DC-GX9 (ohne), Fujifilm X-T100 (ohne), Nikon D5500 (mit), Nikon D750 (mit)

 

Oder fast zumindest. Denn wie immer im Leben gibt’s nix für umsonst, oder schöner „there ain’t no such thing as a free lunch“, wie es in Robert A. Heinleins Roman „The Moon is a Harsh Mistress“ heisst.
Ich selber habe schon lange auf spiegellose Vollformat-Kameras (FX in Nikon-Sprech) gewartet, die erste Sony A7 genauso besessen wie die kleine Nikon 1 oder diverse Kameras von Fujifilm (X-E2s, X-T2, X-T100, X100F). Sie alle sind gekommen und (fast alle, bis auf die X100F) wieder gegangen, aber welche Kameras sind geblieben? Richtig: DLSRs. Nikons D750 für die Arbeit, die D5500 für die Freizeit.

Aber schauen wir uns die Daten der neuen Z-Modelle von Nikon und der R von Canon einmal genauer an.

Aus Sicht der DSLR kann man es also durchaus mit Mark Twain halten: „Die Nachrichten über meinen Tod sind stark übertrieben“. Denn so elegant ein Monitor statt eines Spiegels vieles erleichtert, ganz ohne Nachteile geht es nicht. Und für einen grossen Teil der ernsthaften Fotografen, nicht nur der Sportfotografen, dürfte sich durchaus die Frage stellen, wie schwer die Vorteile der spiegellosen Welt tatsächlich wiegen, wieviel besser sie unsere Bilder machen, ob der schöne Schein tatsächlich die Nachteile aufwiegt, die damit einhergehen.

Batterie

Der grösste Nachteil eines Monitors ist der, dass er Strom braucht. Und Monitore, die das Gefühl einer perfekten Live-Show vermitteln sollen, noch viel mehr: die Wiederholrate des Bildes muss so hoch sein, dass für unsere Augen, unser Gehirn auch beim Mitziehen, bei Kamerabewegungen kein „Wischeffekt“, keine Verzögerung zu sehen ist. Um den Stromverbrauch in Grenzen zu halten arbeiten die Hersteller daher mit einem Trick: wie bei der Fujifilm X-T3 arbeitet der Bildschirm im Sucher serienmässig mit einer Frequenz von 60 Hz, man selber kann ihn auf 100 Hz hochschrauben, was ein stabileres Bild ergibt, aber auch mehr Strom braucht. So bleibt der „Normverbrauch“ (wie beim Auto) hübsch tief, steigt aber im richtigen Leben an, wenn man, ebenfalls wie im Auto, die Alltagseinstellungen nutzt.

Das Dilemma der Spiegellosen ist dabei aber auch, dass sie ja so schön klein und leicht sein sollen. Klein und leicht, genau das sind Akkus aber nicht, die eine hohe Leistung bringen sollen. Und so liegen Akku-Leistungen, die im Bereich der Spiegellosen frenetisch gefeiert werden, in Bereichen, die bei DSLRs bestenfalls eine Einsteigerkamera liefern darf. In Zahlen: zwischen rund 350 bis 750 Bildern (lt. CIPA) für Spiegellose, weit über 1’000 Bilder bei DSLR’s. Wobei CIPA oft genauso aussagefähig ist wie der Normverbrauch unserer Autos, meistens liegen die Werte in der Praxis deutlich höher (was anders als beim Verbrauch des Autos in diesem Fall ein Vorteil ist).

Für viele mag das nicht so relevant sein, für Fotografen an Anlässen ist das jedoch durchaus ein kritischer Punkt: kann ich mit meiner D750 eine komplette Hochzeit ohne Rücksicht auf Verluste durchfotografieren, so habe ich mit Fujifilms X-T2 in einer Feier 3 Mal den Akku gewechselt. Und auch schon Bilder verloren, weil die Leistung genau zu einem wichtigen oder schönen Bild so tief gesunken ist, dass der AF nicht mehr funktioniert hat. Solange man zum Spass fotografiert ist das bestenfalls ärgerlich, bei Feiern wie Hochzeiten oder Kommunion kann das tödlich sein. Im Fall der X-T2 habe ich mir in Folge den Handgriff mit zwei integrierten Zusatzakkus angeschafft, das hat das Problem zwar gelöst, nur ist der Gewichts- und Grössenvorteil gegenüber der DSLR damit natürlich dahin.

Anschalt-Zeit

Die Zeit, die vom Einschalten der Kamera bis zum ersten Bild vergeht, ist nur teilweise systembedingt. Sie ist aber spürbar, und vor allem an Events, auf der Strasse oder beim Sport auch spürbar. Eine DSLR kann ich (zumindest, wenn es eine Nikon ist) blind mit dem rechten Zeigefinger einschalten, während ich sie ans Auge hebe, der optische Sucher ist sowieso immer da, und wenn ich zwischen dem Blick durch den Sucher und dem Auslösen nur Sekundenbruchteile benötige, das Bild ist im Kasten.

Bei Spiegellosen kann das schwieriger sein: gemäss den Werksangaben benötigt die nigelnagelneue Canon R ganze 0.9 sec. für die selbe Übung. Für eine Kamera, die einiges teurer ist als eine Nikon D750, ist das ein schwacher Wert. Und es verstärkt das „Kaugummi-„Gefühl, das Gefühl, dass sich alles zieht, bis es da ist, das eine Kamera insgesamt zäh wirken lässt, auch wenn sie in anderen Dingen sehr schnell sein kann.

Monitor

So schön der Monitor ist, weil er ein echtes „wysiwyg“-Bild liefert (what you see is what you get), mit Unter- oder Überbelichtung, Filmsimulation und was sonst noch alles eingestellt werden kann, er hat auch Nachteile. Die Startzeit, die Zeit, bis er voll da ist, ist bei manchen Kameras nicht unerheblich und für mich äusserst mühsam. Schlimmer noch aber ist die Umschalt-Zeit, wenn man den automatischen Näherungssensor nutzt, der dafür sorgt, dass der Monitor im Sucher nur leuchtet, wenn man das Auge an der Kamera hat. Andernfalls ist der grosse Monitor an, oder auch gar nichts. Das ganze gibt es im Wesentlichen nur, weil Strom gespart werden soll: die Monitore sollen nur leuchten, wenn man sie tatsächlich braucht.

Sowohl bei der Sony A7 als auch bei der X-T2 von Fujifilm kam es immer wieder vor, dass ich den Monitor nutzte und der plötzlich dunkel wurde. Bild weg, Konzentration weg, alles weg. Natürlich war das Bild nicht weg, aber irgendwas war zu dicht an den Näherungssensor gekommen, und schon hat die Kamera vom Monitor auf den Sucher umgestellt, was ich natürlich nicht sehen kann, wenn ich die Kamera auf Bauchnabelhöhe habe: bei mir wird es einfach dunkel. Für das langsame Arbeiten auf dem Stativ spielt das alles keine Rolle, man macht wenig Bilder und ist nicht wirklich hektisch unterwegs. Im Getümmel eines Events machen solche Details für mich aber den Unterschied aus zwischen entspanntem und konzentriertem Arbeiten einerseits, häufiger Ablenkung andererseits.

Gewicht und Grösse

So schön ein kleines und leichtes Gehäuse ist, wenn man es tragen muss, man sollte auch an die Objektive denken, die man einsetzt. Das kleine Standard-Zoom, die leichte Festbrennweite, das ist Balsam auf Rücken und Schultern aller Fotografen. Nur: gerade Menschen, die so viel Geld für ein Gehäuse wie Nikons Z7 ausgeben, sind oft auch die, die Zooms mit Blende 2.8 benötigen, oder lange Objektive mit 400 bis 800 mm Brennweite. Vor allem, wenn der elektronische Verschluss endlich geräuschloses Arbeiten mit scheuen Tieren ermöglicht. Da Objektivgrössen jedoch nicht von der Tatsache abhängen, ob die Kamera einen Spiegel hat oder nicht, sondern primär davon, welchen Bildkreisdurchmesser sie abdecken müssen, ändert sich hier nichts. Oder besser: im Bestreben, immer bessere Optiken zu bauen, werden Objektive sogar massiv grösser. Das ist an der Nikon Z bei den 50 und 35 mm Festbrennweiten gut zu sehen: im Vergleich zur den „alten“ F-Objektiven (35 und 50 mm f/1.8 AF-S) sind sie deutlich grösser. Und das, obwohl das Gehäuse kleiner und leichter wird. Dass das 24-70 mm Standardobjektiv so niedlich klein ist (relativ zumindest), das hat es ausschliesslich der Tatsache zu verdanken, dass es eine maximale Blende f/4 besitzt, und dass es dank IBIS (Anti-Wackeltechnik im Gehäuse) keinen VR-Mechanismus braucht.

Im richtigen Fotografenleben bedeutet das, dass man einerseits insgesamt doch kaum Gewicht spart, gleichzeitig aber das Ganze deutlich frontlastiger ausfällt. Kompensieren kann man das natürlich mit dem Batterie-Handgriff, aber dann ist jeder Grössen- und Gewichtsvorteil vollends dahin.

Fazit

Natürlich gehört den spiegellosen Systemkameras die Zukunft: schneller AF im Sucher UND auf dem Monitor, kein Spiegelschlag, keine Vibrationen. Dazu, und das ist praktisch das Wichtigste, werden die Sensoren im Sucher mindestens auf mittlere Sicht für die Hersteller wesentlich billiger, als es der Spiegel samt komplexer Bewegungsmechanik und Dämpfung ist, zumal die Produktion stärker automatisiert werden kann.

Der grösste Vorteil der Spiegellosen für Leute wie mich, die viel mit sehr weit öffnenden Blenden arbeiten und flache Schärfentiefen als Stilmittel verwenden ist aber ein anderer: da der Autofocus die Schärfe auf dem Sensor selber misst, und nicht in Sensoren sonstwo in der Kamera, fällt das leidige Thema der Objektivkalibrierung weg, alle Objektive sind automatisch dort scharf, wo man es scharf haben will.

Die Akkus werden über die Zeit optimiert, die Einschaltzeiten verbessert, das Umschalten der Monitore den Bedürfnissen der Fotografen besser angepasst.

Bedeutet das aber, dass die DSLR per sofort obsolet wird?

In keinster Weise. Im Gegenteil: die Vorteile der Spiegellosen liegen spezifisch in einigen Aspekten der Bedienung und der Einsatzmöglichkeiten.

Für reine Fotografen, d.h. Menschen, die Videos bestenfalls einmal mit dem iPhone drehen, ist die DSLR mehr denn je die optimale Lösung:

Nicht nur, dass Kameras wie die D850 oder die D750 in ihrer Klasse auch 2018/2019 noch and der Spitze stehen, was Bildqualität, Handling und AF-Geschwindigkeit betrifft, es steht auch ein komplettes Objektiv-System fertig zur Verfügung, nicht nur von Nikon selber, sondern auch von Drittherstellern wie Tamron (SP), Sigma (Art-Serie), Zeiss und vielen anderen. Stativadapter in jeder Form sind genauso erhältlich wie aktuelle Software für die Bearbeitung der RAW-Formate.

Dazu kommt, dass die Preise der DSLR-Spitzenkameras auf einem sehr tiefen Niveau liegen: die Konkurrenz ist gross, der Markt relativ klein. Eine Kamera wie die D750, die mit einem Listenpreis von über CHF 2‘000 ins Leben gestartet ist, findet man heute bei Cashback-Aktionen für unter CHF 1‘400, nur unwesentlich teurer als ihre kleine APS-C-Schwester D7500.

Wer also die spezifischen Vorteile der DSLRs nutzen kann und nicht aus technischen Gründen auf ein spiegelloses System angewiesen ist, der erlebt aktuell am Markt ein fotografisches Schlaraffenland, wie man es sich schöner kaum vorstellen kann.

Alleine aus diesen Gründen denke ich, dass die Nachrichten vom Tod der DSLRs nicht nur stark übertrieben sind. Diese Welt wird sicherlich kleiner, und das durchaus in sehr kurzer Zeit, aber sie wird nicht obsolet. Auf meiner persönlichen Wunschliste steht daher auch nicht die Nikon Z7 ganz oben, sondern die D850. Und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben, selbst wenn die Zweitkamera einmal eine Z6 sein sollte.

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